Wo sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere…
Mariazell – Eisenerz 75km, 3080hm
6.6. – 9.6.2023
6.Tag: 25km, 765hm, 5h
Bis spät am Abend habe ich Wettervorhersagen verglichen. Kaum welche waren sich einig und dennoch hatten alle die selbe Konklusio: hochgradig labile Luftschichten. Ausgedeutscht bedeuetet das, dass eine sehr hohe Gewittergefahr besteht, jedoch ist es kaum vorhersagbar wo und wann. Und das für die nächsten 5 Tage. Na toll.
In der Früh rufe ich Hütten an und frage nach der Schneelage, rufe Unterkünfte und sogar eine Alm an für evtl Schlafmöglichkeiten,… und lasse dann die Vernunft entscheiden: ich gehe nicht wie geplant über die Aflenzer Staritzen auf den Hochschwab. Zu unsicher mit der Gewittergefahr im Nacken so eine lange Distanz am Kamm/Plateau mit Schnee. Noch dazu weil es heute am NM Starkregen geben soll mit evtl Gewitter. Als die Entscheidung endlich getroffen ist, geht es mir deutlich besser. Ich weiß jetzt schon, dass das eine der großen Herausforderungen für mich werden wird: alle Abwägungen selbst zu machen und die Entscheidungen selbst zu treffen – und zu tragen.
Ich marschier los und bin guter Laune. Dass ich mich an Kleinigkeiten am Wegesrand erfreuen kann, überrascht mich selbst ein wenig, denn sonderlich spektakulär ist diese Umroutetappe nicht.








Die paar wenigen KM auf der Straße könnten schlimmer sein, finde ich.

Ab Seeboden kenne ich den Weg – ich bin wieder am Nordalpenweg. Diesen Fernwanderweg bin ich letztes Jahr über mehrere Mehrtagestouren von Wien bis Admont gefolgt, daher habe ich mich für den Start dieser Tour auch für den Wallfahrerweg entschieden, weil ich den Nordalpenweg bis zum Hochschwab schon kenne. Der steile Weg hinunter vom Pass ist immer noch steil, aber die mit Moos überwucherten Bäume habe ich so nicht mehr in Erinnerung.

Als ich aus dem Wald trete verwandelt sich der Niesel in Regen. Mir egal, die Unterkunft ist keine 100 Meter mehr entfernt.

Ich rufe die Besitzerin an, denn eigentlich ist heute Ruhetag und sie nicht da. Aber sie war so lieb und hat den Schlüssel versteckt, also kann ich in mein Zimmer, duschen, entspannen und … auf die verrückte Nudel warten. Ihr hab ich heute Früh beim Losgehen meine verzwickte Lage und Änderungen geschildert und an ihrer Stimme habe ich gemerkt, sie hat wahrscheinlich den selben Gedanken wie ich. Also hau ich raus: „bekommst du morgen spontan Urlaub? Dann kannst du mich dank Feier- und Fenstertag 3 Tage über den Hochschwab auf gemütlich, mit Hüttenübernachtungen begleiten.“ Die Idee kommt daher, dass ich sie letztes Jahr auf einer Hütte am Hochschwab kennen gelernt habe und wir noch in Wien gescherzt hatten, dass es lustig wäre gemeinsam am Hochschwab zu wandern. Tja, so schnell kann sich das Blatt wenden und die „Pflicht“, wegen der Vernunft nach Seewiesen zu gehen, zu etwas Positivem werden.
7.Tag 13.5km, 1300hm, 5:00h
Die Wolken hängen tief, es hat die ganze Nacht geregnet und es sieht immer noch nicht einladend draußen aus. Heute soll jedoch noch der beste Tag der Woche werden laut Vorhersage. Wir lassen uns beim Frühstück Zeit, es klart ein wenig auf und nehmen die Bitte der Wirtin, dem Schiestlhaus Zeitungen zu bringen, gerne an.
Zu zweit vergeht die Forstraße als Zugang zum Wanderweg schneller als letztes Jahr alleine und in praller Sonne.

Die Bergkulisse um uns herum lässt uns immer wieder stoppen.

Auch mich, obwohl ich den Aufstieg schon kenne.

Immer wieder schaue ich rauf auf die Aflenzer Staritzen und denke mir: ALLES richtig gemacht, die Sicht da oben beträgt wahrscheinlich nahezu null.

An den um die Voisthalerhütte herum immer anzutreffenden Steinböcken vorbei,

in immer schönerer Kulisse schrauben wir uns zur Hütte nach oben.


Kurzer Einkehrschwung zum Aufwärmen – es hat in den letzten Minuten zum Nieseln begonnen.

Unmittelbar hinter der Hütte beginnt das erste lange Schneefeld. Auf 1650hm wohlgemerkt.


Ich bin überrascht wie hoch die Wechten und Ränder zum Teil noch sind.



Der Graf Meran Steig selbst ist dann nahezu schneefrei, wobei 2 Schneefelder ziemlich steil zu queren bzw aufzusteigen sind.


Am Ende des Steiges reisst es kurz auf und wir können den Anblick kaum fassen.

Was für eine Traumkulisse.

Ich spüre wieder ganz stark, warum der Hochschwab, nach dem Dachstein, mein absolutes Lieblingsbergmassiv ist.
Die letzte halbe Stunde ziehen Nebelschwaden an uns vorbei, hüllen die naheliegenden Berghänge ein, spucken sie wieder aus, verdecken die nächsten, lassen die Sonne durch…. ein Schauspiel, das uns fasziniert staunen lässt.



Das letzte Schneefeld braucht auf den letzten Metern noch einmal kurz Konzentration, der Schnee ist schon recht rutschig.

Schneller als gedacht heißt es: „Ich seh, ich seh was du nicht siehst und das….“ ist das Schiestlhaus in 50 Metern Entfernung im Nebel

Wir verbringen den restlichen Nachmittag mit Spiele spielen, aus dem Panormafenster schauen und uns freuen wenn die Wolken den Gipfel vor der Haustüre ausspucken und eventuell sogar etwas Fernsicht zulassen.



8.Tag 8.5km, 270hm, 3:35
Am Nachmittag soll es regnen, wir starten daher trotz einer sehr kurzer Etappe nicht allzu spät. Der Gipfel ist schnell erklommen und wir haben sogar noch recht gute Sicht. Die Freude ist groß.



Wir verweilen ein wenig oben und genießen es, den Gipfel und gefühlt den ganzen Berg für uns alleine zu haben.

Zuerst geht es Hügelhänge entlang,


das ein oder andere kleinere Schneefeld ist dabei. Tlw kann man gut die Unterspülungen am Rand sehen.

Der Himmel wird dunkler, die Wolken ziehen die Berghänge herauf.


Dennoch koche ich uns rasch einen Kaffee, die Kulisse ist einfach zu schön um nicht eine ganz kurze Rast einzulegen.


In den Latschen liegt noch gut Schnee, ich breche 2 mal bis zum Knie ein.

Dort wo es geht, laufen wir die Hänge hinunter – nicht so elegant wie so manches Bergbewohner-Tier, aber wir haben einen enormen Spaß dabei.

Immer wieder müssen wir stoppen, unsere Hälse verdrehen, Fotos machen und es laut aussprechen: sooooo scheeee!!

10 Minuten vor der Häuslalm beginnt es zu nieseln, 3 Minuten davor zu regnen, wir sind drin, stellen die Rucksäcke ab und die Schleusen öffnen sich. Und schließen sich für die nächsten 7 Stunden nicht mehr. Hagelschauer unmittelbar nach unserer Ankunft und mehrere Gewitterfronten im Laufe der Stunden inklusive.

Wieder alles richtig gemacht …die kurze Etappe bei der Vorhersage machte Sinn.
Der restliche Tag besteht aus Spiele spielen, Schnapsen lernen, aus dem Fenster ins sonnige Tal starren, Knoten knoten lernen,… und als es endlich aufhört zu regnen braucht der Hüttenhund und wir noch ein wenig Bewegung und so rennen wir verrückt mit ihm und den Ball um die Wette.

9.Tag 28km, 745hm, 9:41h

Die Wettervorhersage checken geht aufgrund von massiv reduziertem Empfang leider nicht wirklich, aber, dass es wieder gewittern soll, ist klar.
Wir ziehen los und kommen schnell beim Sackwiesensee an. Dieses Jahr zum Glück ohne Kühe. Letztes Jahr konnte Cäcilia (ja, die verrückte Nudel hat auch einen richtigen Namen) von dieser Uferseite sehen, wie ich panisch vor einer auf mich zurennenden Herde Kühen geflohen bin. Was für ein erster Eindruck. Wir nutzen die zeitweise sich blicken lassende Sonne und tauchen kurz ein in den See. Huschi kalt, aber genial. Und nach 2 Tagen wandern ohne Dusche auch sicher nicht ganz unnötig.

Bei der Sonnschienhütte machen wir nur einen kurzen Fotostopp…wer hätte vor fast einem Jahr bei Bier und lustigen Gesprächen auf dieser Hütte gedacht, dass ich A so weit los ziehen werde und B, dass Cäcilia für einen Kurzbesuch mit an Board sein wird. Keine von uns beiden.

Ab der Sonnschienhütte verändert sich die Landschaft. Ausgewaschenes Gestein, keine 2 Meter ebene Fläche vor lauter Hügeln. Matsch macht sein übriges, wir sind zwar mit normalen Tempo unterwegs, kommen aber aufgrund der Wegbeschaffenheit nur langsam voran.



Auf der Pfafingalm steht eine dicke schwarze Wolke qausi direkt vor der Türe

und wir entscheiden uns, nach längerem hin, her und verschiedenen, vor allem verwirrenden Ausagen über die Schneesituation an der Frauenmauer und der Gewitterwahrscheinlichkeit gegen diesen Abstieg und wählen den mir bekannten, zwar längeren, aber unschwierigeren Weg. Wir ziehen uns schon unsere Regensachen an, denn die ersten Tropfen der dunklen Wolke ereilen uns und staunen nicht schlecht als sie plötzlich abdreht und an uns vorbeizieht. Mega Glück gehabt.

Die Landschaft bleibt noch lange schön, die Umgebung noch ewig spektakulär.







Einmal baden wir unsere Füße freiwillig im Fluss, ein anderes Mal müssen wir für den Weiterweg unsere Schuhe ausziehen. Kalte Wassergüsse an den Beinen sind bekanntlich ja gesund.


Aufstehen mit Rucksack fühlt (und hört) sich so behäbig an, da muss man einfach über sich selbst lachen.

Erst um 17 Uhr erreichen wir den Leopoldsteinersee.

Zeit zum genießen bleibt nicht. Wir haben endlich ein wenig Empfang, schnell steht fest, Cäcilia kommt heute nicht mehr zu ihrem Auto nach Seewiesen und bald darauf steht auch fest, dass es kein freies Bett mehr in Eisenerz gibt. Dass das Redbullrodeo ist wussten wir nicht. Wir stapfen leicht gestresst über den letzten Hügel ins Zentrum von Eisenerz und erwischen um 18:30 den letzten Bus nach Leoben bevor die Straße gesperrt wird. Wir fallen in der letzten freien Unterkunft ein, bestellen Essen noch bevor wir das Zimmer beziehen – der Tag war ziemlich lange und wir sind müde.
Dennoch antworte ich kurz Clara per Signal. Sie ist einen Tag nach mir gestartet (über den Nordalpenweg) und wir sind seit vor unserer Abreise in Kontakt. Es geht ihr nicht so gut, sie ist kurz davor abzubrechen, das Wetter und die matschigen Steige kosten ihr viel Energie und mentale Stärke. Sie ist mit dem Zug weiter nach Graz gefahren um sich dort in den nächsten 2 Tagen zu überlegen ob sie aufhört, oder wenn, wie weitermacht. Ich verstehe sofort wie es ihr geht, ich hatte es die letzten Tage ein wenig leichter weil ich zu zweit und davor im nicht alpinen Gelände unterwegs war. Die Vorstellung, dass sie aufhört gefällt mir nicht, daher biete ich ihr kurzerhand spontan an, dass sie, wenn sie möchte mit mir mitgehen kann. Sie zögert ein wenig weil sie weiß, dass ich eigentlich das alleine gehen sehr schätze, nimmt aber dankend an, weil sie dadurch auch die Hoffnung sieht, dass sie aus ihrem Tief und Verzweiflung wieder herausrauskommt.
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10. Tag 0KM
Heute ist der erste Ruhetag angesagt. Wetterbedingt um für das Gesäuse die 2 Tage Sonnenfenster bestens zu nutzen und weil es auch mal gut tut nichts zu tun. Zeitig in der Früh heißt es Abschied nehmen von Cäcilia. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, eine Schmollippe ist die Folge. Dennoch freue ich mich über die Erfahrung, dass ich nun weiß, dass ich zu zweit Mehrtageswanderungen auch schön finden kann. Vor allem wenn jemand ebenso Bergpanoramabegeistert ist wie ich. Danke nochmals für die schöne, lustige und leistungsstarke Begleitung! Next time: karnischer Höhenweg vielleicht. Daumen drücken.
Ich selbst zieh innerhalb Leobens um, alles ausgebucht auch hier. Überbrücke die Zeit mit einem Podcast in der Fußgängerzone, einem Kaffee, lesend und als ich endlich ins neue Quartier kann, mit Wäschewaschen, essen und Blog schreiben. Zack ist der Tag um. Wer hat an der Uhr gedreht, ….