3. Etappe Gesäuse

Mit unbekannter Begleitung auf bekannten Wegen…

Eisenerz – Rottenmann 74,6km, 4290hm

11.6 – 14.6.2023

11. Tag 18.3km, 5 Stunden, 800hm
Ich treffe Clara in Leoben. Wir schnattern die ganze Busfahrt rauf nach Eisenerz durch. Selbst beim gleich steilen Anstieg raus aus dem Dorf geht uns zwar tlw die Puste aus, aber nicht der Gesprächsstoff.

Ich kenne den Weg bereits und weiß, dass uns ein tolles Panorama am Ende des Tales erwartet. Leider hängen die Wolken oftmals tief, trotzdem ist es schön.

Der Sattel ist schnell erreicht und wir legen unsere zweite Pause ein und essen zu Mittag. Im Schatten und verschwitzt wird es trotz Langarmoberteil schnell frisch, darum machen wir uns bald auf den Weiterweg. Auf einer Alm hierher haben wir erfahren, dass in Radmer an der Stube Kirtag ist, das macht uns neugierig. Noch ein Grund nicht zuviel zu trödeln. Ich überlasse es Clara ob wir den Steig gehen, oder über die Forstraße weiter absteigen. Sie entscheidet sich für den Steig, möchte sie doch wieder vertrauen in sich finden und die negativen Erfahrungen mit den Steigen zuvor relativieren. Steil und stellenweise rutschig, gehen wir langsam nach unten Richtung Bach.

Es folgen zwei Querungen, dazwischen paar matschige Stellen, einige weitere steile Abstiege.

Clara schlägt sich wacker und kann sich an der Landschaft erfreuen. Diese ist auch wirklich wunderschön hier. Bald ist es geschafft und wir marschieren die letzten Km nach Radmer. Der Kirtag ist hauptsächlich ein KlamottenRamschFest, aber ganz zu meiner Freude auch mit viel Süßen.

Kurz darauf sitzen wir bei Kaffee und Kokoskuppel im Garten unserer Unterkunft und plaudern mit dem Wirten. Also ich plaudere – Clara ist nicht nur froh, dass ich die Strecke kenne und dass sie sich nur aufs Gehen konzentrieren kann, sondern auch, dass ich für sie dolmetsche. Aus dem Hohen Norden in Deutschland scheitert sie so gut wie immer wenn sie jemand anspricht, sagt sie.
Die Unterhaltung mit dem Wirten ist schokierend und dennoch ein bekanntes Problem: kein Personal, die Einheimischen kommen nicht mehr Essen, oder Frühschoppen, früher über 1300Einwohner, jetzt um die 500… Er wird wahrscheinlich bald zusperren. Das letzte Wirtshaus im Dorf. Einst waren es 7, jetzt vielleicht bald keines mehr.

12. Tag 13.6km, 5 Stunden, 1170hm
In der Früh erkläre ich Clara nocheinmal meine Gedanken zu beiden Aufstiegen aus Radmer raus. Die Originalroute kenne ich. Ein mieser langer Aufstieg über ein Schotterfeld in einem Kar erwartet uns. Es befindet sich auf über 1600hm, nordseitig ausgerichtet, im Schatten vom Lurgauer. Ich befürchte dort viel Schnee. Den anderen Weg kenne ich nicht, weiß nur, dass er 2 Seilversicherungen hat und ausgesetzt ist. Dafür schneefrei. Clara hat keine Lust auf Schnee, auch da hat sie keine guten Erfahrungen am Anfang ihrer Tour gemacht. Sie entscheidet sich für die Alternative.
Nach einer Weile auf der Straße biegen wir bald darauf steil in den Wald hinauf. Immer weiter, weiter, weiter geht es nach oben.

In einem Märchenwald. Ich mag überwachsene Steine die in der Gegend herumliegen.

Der Wald zieht sich weit hinauf,

erst kurz vor Schluss kommen die ausgesetzten Stellen. Die erste Seilversicherung braucht man eher zum hinuntergehen, bei der zweiten bin ich an einer Stelle schon kurz froh mich ein bisschen anhalten zu können.

Die abschüssige Wand die wir vorhin gesehen haben noch in Erinnerung, konzentrieren wir uns gut auf den Weg und wohin wir steigen.

Erleichtert, dass es halb so schlimm war, steigen wir die letzten Meter wieder durch Wald hinauf zum G’Spitzen Stein und machen erstmal eine Pause. Haargenau die angegebene Zeit von 2 Stunden haben wir gebraucht. Plötzlich, gefühlt aus dem Nirgendwo kommen Arbeiter und richten den Zaun.

Wir stapfen über matschige Wiesen weiter, Tempelhüpfen auf Grasnarben kann man es auch nennen.

Um die Länge auf der Forstraße zu minimieren gehen wir einen kleinen Umweg und steigen einen Steig hinab, den ich vom letzten Jahr kenne. Überwuchert, selten begangen, aber schön. Bisschen Forstraße bleibt uns dann aber auch nicht erspart und wir legen eine lange Rast ein bevor es wieder über absolut liebliche Wege zur Sulzkaralm geht.

Wir möchten heute unbedingt nicht in der Hesshütte landen. Nach der Sulzkaralm gibt es in meiner Erinnerung aber bis nach Johnsbach keinen geeigneten Platz mehr zum Zelten. Daher erstmal zu Michael – der Hirte der, so haben wir schon mehrfach gehört, bereits auf der Alm ist, aber die Kühe noch nicht.

Ich bin letztes Jahr schon picken geblieben für über 2 Stunden bei ihm auf Schnaps und nette Gespräche, so dauert es auch heute nicht lange und er fragt ob wir Lust haben uns zu ihm zu setzen. Ja gerne. Die Landschaft um die Sulzkaralm ist ein einziger Traum, kein Foto schafft es festzuhalten. Die Zeit vergeht, Michael kann sich sogar an mich erinnern, den Schnaps verkostet dieses mal Clara mit ihm.

Er selbst ist ein ehemaliger Weitwanderer. Wir reden über Gott und die Welt. Die Zeit vergeht und ich frage ihn ob er ein Plätzchen kennt wo wir unsere Zelte heimlich platzieren können. Nichts da, wenn wir wollen können wir am Dachboden der entzückenden kleinen Hütte schlafen. Da sagen wir nicht nein. Die Stunden bis es dunkel ist und wir den Sternenhimmel betrachten vergehen mit weiteren tiefsinnigen, oder amüsanten Gesprächen, dem Gitarre lauschen, an die Felswände starren und einem kleinen Rundgang in einen der letzten Urwälder Österreichs.

Ich war schon lange nicht mehr so sehr im hier und jetzt. Dieser Ort ist magisch, ich habe ihn letztes Jahr schon so empfunden. Keine KM, keine Schneegedanken, keine Wetterthemen, keine EtappenGrobplanung, keine innere Unruhe weil die Etappe so kurz war,…nichts von all dem ist da. So entspanned und friedlich hier heroben, herrlich.

12. Tag 22.4km, 7:40 Stunden, 1510hm
Wir haben beide gut geschlafen und sitzen wieder mit einem zufriedenen Lächeln vor dem Haus in der Sonne und frühstücken. Wenn die Sonne scheint gibt es genug Strom für die Kaffeemaschine. Was haben wir für ein Glück.

Michael gibt uns noch eine Banane mit auf den Weg und wir sind uns einig, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich oben war bei ihm. Der Aufstieg zum Hundskarstein ist imposant, man kommt den Felswänden so nahe.

Bis Johnsbach wird es matschig, lange, rutschig, lange, schön, wunderschön, matschig.


Clara: „Du bist eine Spy“ “ hä?“ „Naja, du gehst voran, entdeckst etwas, wartest und zeigst mir immer etwas. Mein erstes Murmeltier, Gämse, Blumen, oder so wie jetzt den Wasserfall. Du siehst immer alles“. Mich freut diese Aussage, frage ich mich manchmal nämlich selbst, ob ich nicht zu schnell gehe und vielleicht wenig sehe. Selbst habe ich kaum den Eindruck, so detailliert wie ich mich an den Weg erinnern konnte würde ich selbst meinen, sehr viel von meiner Umgebung einzusaugen, aber trotzdem frag ich mich das manchmal.


4 Stunden nach Aufbruch sitzen wir unweit von der Straße auf einem Bankerl und ich werde kurz in die Realität zurückgebeamt. Über 24 Stunden kein Empfang, was für eine Wohltat auch mal und dann die Nachricht, dass meine Mutter keine Auskunft bekommen hat, ob mein Antrag auf Selbstversicherung erfolgreich war, oder nicht. Ich sträube mich kurz mich damit beschäftigen zu müssen. Mir war bis jetzt nicht bewusst wie weit ich im Kopf schon weg war von dem Alltag zu Hause. Alles was hier zählt ist Wetter, Wasser, Weg, Essen, Schlafen. Aber es nützt nichts. Also kurzes beamen in die andere Welt, ich rufe beider ÖGK an, alles passt. So, zurück zum hier und jetzt. Und das heißt entweder kurzer, direkter Weg zur Mödlinger Hütte, oder längerer, mehr HM, aber deutlich schönerer Weg. Ich kenne beide. Clara möchte den kürzeren gehen, da es ihr ansonsten zu viele HM in Summe sind. Wir entscheiden uns daher bis zur Mödlinger Hütte getrennt zu gehen. 5 1/2 Stunden stehen angeschrieben für mich,

ich weiß, dass ich ihn damals deutlich schneller geschafft habe. Aber jetzt mit dem Gepäck? Mal schauen. Zuerst geht es steil einen Bach entlang hinauf.

Über Wiesen und Möglichkeiten Wasser zu filtern geht es weiter

um dann eeeeeeewig, nämlich für gut 2 Stunden in einem Meer aus Heidelbeeren zu gehen.

Ich bin abermals begeistert und froh, mir die 400 zusätzlichen HM zu geben. Auch wenn das rauf und runter, nachdem ich oben am Kamm angekommen bin, anstrengend ist. Ein Kogel nach dem anderen möchte seine Aufmerksamkeiten indem man seinen höchsten Punkt überschreitet.

Die Aussicht ist auf beide Seiten toll. Mit Blick zurück ins Gesäuse raste und esse ich,

bevor ich mich dem Blick Richtung Westen widme und meinen geliebten Dachstein anschmachte.

Die Schneereste auf den Rottenmanner Tauern nehme ich zur Kenntnis und versuche mir erst morgen Gedanken darüber zu machen. Was ist die beste Ablenkung? Genau….Bergeschauen.

Ich grinse wie ein Hutschepferd, als ich nach 3 Gehstunden die Mödlinger Hütte erreiche. Ich liebe diese Landschaft hier heroben.

Und die Zeit lässt mich natürlich auch strahlen: 3 Stunden!! Genauso flott wie letztes Jahr mit leichtem Gepäck und wieder deutlich schneller als angeschrieben. Ich glaube allmählich baue ich Kondition auf. Clara fällt aus allen Wolken als sie mich sieht, sie ist 10 Minuten vor mir angekommen. Also alles richtig gemacht mit getrennt gehen. Unsere Tempos sind sowohl hinauf als auch hinunter stark unterschiedlich. Dennoch sind wir die letzten 2 Tage gut zurecht gekommen miteinander.
Es ist noch nicht 16 Uhr, da geht noch ein Kaffee und Kuchen. Den schaff ich allerdings überraschend nicht ganz, also wird der Rest eingepackt und dient als Nachspeise beim Abendessen. Wir füllen unsere Wasseflaschen auf, ich möchte nämlich unbedingt zelten, beide sind wir aber gerade sehr unsicher weil es ziemlich kalt ist. Sogar der Wirt meinte „bbbbbbrrrrr des is so kalt heit. Der Wind, wenn die Sun wegis, bbbbr“
Die Sonne zeigt sich dann aber wieder und wir finden rasch ein gutes Plätzchen. Clara zögert, weil auch das wildcampen bereitet ihr Sorgen. Aber sie vertraut mir, ich fühle mich wohl und sicher hier und teile mit ihr meine Überlegungen, Analysen und Kriterien für einen Wildzeltplatz. Dann kann auch sie ein wenig entspannen.
Wir schreiben Tagebuch, kochen, essen und bauen gegen 20 Uhr unsere Zelte auf.

Ich nutze die Zeit im Zelt und tippsel den Blog ins Handy, offline natürlich weil mit Empfang ist mal wieder gar nichts, um dann noch eine Runde zu lesen.

14. Tag 20.3km, 5:11h, 412hm
Wir wollen früh los, daher ist um 6:30 alles gepackt und unsere Bäuche mit Kaffee und Müsli gefüllt.

Der Weg heute wird unspektakulär. Wie es halt so ist wenn man in eine Stadt geht. Aber wir verlassen heute den Nordalpenweg und brauchen eine Verbindung zu den Rottenmanner Tauern um auf den Salzsteigweg bzw in seine Gegend zu kommen.
Zuerst noch die fehlenden 1:30 Stunden zur Klinke Hütte fertig gehen. 1 bis 2 Plätzen hätten wir noch entdeckt fürs Zelt, aber unser Platz war deutlich besser. Wir queren breite Flussbette und ich frag mich immer wie es hier zugehen muss bei der Schneeschmelze.


Die letzten HM zur Hütte ziehen sich genauso wie damals. Kurze Pipipause, die in tiefen Wolken hängenden Berge des Gesäuses hinter uns lassen

und ins warme, ja schon heiße Tal absteigen. Die letzten KM nach Rottenmann folgen wir dem Radweg, die Füße werden müde.

Wir erreichen um 12 Uhr unsere Unterkunft und erledigen das übliche: Waschen, Beine hoch, Kalorienzufuhr, Recherche, 5 Tage Essensrationen kaufen und anpacken.


Als nächstes geht es auf den Salzsteigweg um die Tauern zu überqueren. Er ist bekannt und verschrien für seinen hohen (Forst)straßen Anteil, die große Unbekannte nennt sich Schneefelder…