Von lockeren Etappen zu neuen Rekorden…
Rottenmann- Murau 101,3km, 5734hm; 15.6.-19/20.6.2023
Summe bis Murau: 386,1km; 16279hm; 17 Wandertage
15. Tag 18.1km, 4:45h, 1033hm
Clara möchte gerne weiter gehen. Sie hat neuen Mut und Zuversicht geschöpft. Ihr Freund kommt auch bald und wandert 3 Wochen mit ihr mit. Jetzt, mit dem potentiellen Schnee, da möchte sie aber nur ungerne alleine weiter. Mich freut’s wenn ich ihr helfen kann und ganz unrecht im evtl Schnee nicht allein zu sein, ist es mir auch nicht. Also nehme ich sie, wie sie selbst sagt “ wieder unter meine Fittiche“ und wir gehen gemeinsam bis Murau.
Wir schlafen aus und frühstücken im Zimmer. Als ich ein Instant-Poridge teste und es gerade in meinen Becher streue um Wasser darüber zu geben, liest Clara vor: „35 Gramm sollst du für eine Portion nehmen. Oh, naja ja, du nimmst halt die Hälfte der ganzen Packung ( also 175 Gramm)“. Der Hunger und die Portionen werden allmählich größer.
Bis zu Mittag gehen wir dann noch gemütlich Kaffee trinken, denn bis zur Planneralm (dort treffen wir auf den Salzsteigweg) schaffen wir es an einem Tag nicht, daher müssen wir vor der Kammwanderung campieren. Abends haben wir uns potentielle Plätze auf der Karte herausgesucht, daher wissen wir, dass uns heute nicht allzuviel erwartet. Vor allem weil es mal zuerst ewig auf Asphalt dahin geht. Geht nicht anders.
Am Weg raus aus Rottenmann hat der Schuster doch offen und flickt mir schnell, mit einem ungläubigen, lachenden Kopfschütteln wegen meines Vorhabens, kostenlos ein Miniloch im Schuh.

Ich mache Claras Namen für mich alle Ehre…Spy entdeckt Walderdbeeren am Wegesrand. Was für ein Glücksmoment.

Nach viel Asphalt (die Markierung des ÖAV ziert mehrmals die Leitplanke. Wie ein Fernwanderweg soviel auf Asphalt geführt werden kann, ist uns ein Rätsel)

ist dann der Aufstieg Richtung Seekoppe umso schöner. Wohl auch noch nicht oft begangen dieses Jahr.

Wir passieren 3 Almen,

schwitzen uns in der stehenden, feuchten Wärme zum Nurmel und umgehen ein Schneefeld, in das sich beeindruckend ein Bach frisst.

Wir möchten soweit wie möglich hinauf um morgen weniger HM zu haben.

Auf der nicht mehr vorhandenen Oberrieden Alm finden wir, nachdem wir nach längerem Suchen eine mögliche Überquerung des Flusses ausfindig gemacht haben, zwei Plätze für unsere Zelte.


Ein Traum von einem Panorma.

Mit direktem Wasseranschluss, auch nicht verkehrt. Eine kurze Runde Yoga,

Zeltaufbauen, Kochen, Essen und bereits vor 8 ab ins Zelt um nicht auszukühlen. Gut, dass ich einen E-Reader mit habe.
16. Tag 16km, 8 Stunden, 1330hm
Um 7Uhr ist alles gepackt und wir startklar. Es ist noch ziemlich frisch, die Wolken hängen tief und bereits im Aufstieg ereilt uns der erste Regenschauer.


Die Landschaft um uns herum lenkt uns aber gut ab. Immer wieder erstrahlt eine Bergspitze in der Nähe, oder in der Ferne im Sonnenschein, alles andere ist dunkel.

Bald sind wir bei den 2 Seen und wir stellen uns vor wie schön es wäre, wenn es jetzt warm wäre, die Füße reinzuhalten.


Wir müssen aber eher schauen, dass unsere Füße trocken bleiben bei dem ersten Schneefeld und bei immer wieder anstehenden Bachüberquerungen.
Ein riesen Schneefeld zieht sich am Ende eine Rinne rauf bis zum Gipfel. Wir können es an der Unterseite über eine steile, rutschig Wiese umgehen und zum Glück rechterhand schneefrei bis zum Gipfel aufsteigen.

Die Fernsicht ist eingeschränkt, dennoch sind wir begeistert.


Aber es ist soooooo kalt, ich hol meine Handschuhe raus, zieh die Kapuze über obwohl es nicht mehr regnet und wir setzen unseren Weg fort. In der Ferne sehen wir das Gipfelkreuz des Hochrettelsteins, da müssen wir hin. Über einen einzigartigen, wunderschönen Weg geht es über einen sehr breiten Kamm hinüber.

Auf halber Strecke verschwindet der Gipfel und uns peitscht von jetzt auf gleich die nächste Regenfront nieder.

Inklusive Hagel. Gesichtspeeling garantiert. Zum Glück hatten wir 2 Minuten davor eine Pinkelpause gemacht, denn jetzt stehenbleiben ist keine Option. Wir hoffen, dass der hellere Himmel rechts von uns gutes verheißt und gehen weiter. Alle Berge in der Nähe und Ferne kommen und gehen unter den dicken Wolken und tlw Nebelschwaden. Am Weg rauf zum Gipfel klart es ein wenig auf, oben am Gipfel zieht es wieder in der Ferne zu.



So ganz einig ist sich das Wetter heute offenbar nicht was es werden soll.


Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein, ich versuche mich kurz an Gipfelbestimmungen im Umland und wir beginnen mit dem Abstieg. Was für ein Weg. Die Flora und Fauna ist der absolute Wahnsinn, noch dazu im Kontrast der schneebedeckten Berge im Hintergrund. Dieses Rosa!



Kurze Pause am Plannereck, jedoch sammeln sich schon wieder die nächsten dunklen Wolken und keine 10 Minuten später öffnen sich erneut die Schleusen.


Nun werden aber auch unsere Füße nass, denn die Landschaft um den Plannersee ist eine einzige Sumpflandschaft.

Unerwartet müssen wir über das ein, oder andere Minischneefeld. Diese sind so aufgeweicht, dass es schnell zur Rutschpartie wird. In der Ortschaft, sofern man das Ortschaft nennen darf, Planneralm, hat nur eine Essensmöglichkeit offen. Ich hab so und so kurz davor Mittaggegessen, aber wir möchten uns ein wenig trocknen, Handy laden und Kaffee trinken. Also müssen wir rein in die überfüllte und stressige Pseudohütte. Beim Eingang sitzt eine sturtzbesoffene, sprücheklopfende und mit einer XXLBox dröhnender Hüttenmusik grölende Männertruppe. Wir sind schwer gefordert das alles auszublenden und nicht gleich die Flucht zu ergreifen.
1 Stunde später fühlen wir uns wieder startklar für den letzten Anstieg. Die Sonne strahlt vom fast wolkenlos Himmel als wäre nichts gewesen. Mich freut der Aufstieg total, hab ich nämlich vorhin am letzten Gipfel die Gegend erkannt und mir ist eingefallen, dass ich hier vor 1 1/2 Jahren Schneeschuhwandern war. Genau auf dem selben Gipfel auf den wir jetzt raufgehen: die Karlsspitze.
Matsch, Matsch, sumpfig
…so geht’s mal lange dahin.

Der eigentliche Aufstieg dann, ja genau, ist ein Traum.



Als ich am Kamm einen Fernblick auf all die schönen Berge habe, bin ich im 7. Himmel. Mir kullern ein paar Tränen runter, ich muss über mich selbst lachen, aber ich bin einfach überwältigt. Clara lacht und freut sich mit mir schon seit in der Früh darüber, wie sehr ich mich für die Berge begeistern kann und wie ich das mit Worten und Lauten zum Ausdruck bringe.
Ich frag Clara ob es passt wenn ich vorausgeh, ich habe das dringende Bedürfnis mein Tempo zum Gipfel zu gehen. Somit zieh ich los und spurte dem Gipfel entgegen. Was für ein Gefühl. Ich bin mega happy.



Leider hat es oben mit dem extrem starken Wind sicher nicht mehr als 2 Grad. Selbst im Windschutz halten wir es nicht lange aus als Clara dazu kommt, weil die Sonne sich schon wieder ziert.
Am Abstieg prallen zwei Welten aufeinander: ich überglücklich mit den Worten: hier gehör ich her, auf die Berge und Clara, die mir mitteilt, dass sie definitiv in Murau aufhören wird, weil ihr das hier alles eine Nummer zu groß/schwer ist.
Versunken im Gespräch über ihre Alternativen und Gründe steigen wir ab.
Ich selbst kann mich kaum losreissen von den Bergen und mach gefühlt alle 5 Meter ein Foto.


Eigentlich wollten wir bei der Alm unser Zelt aufschlagen, aber es ist immer noch so kalt sobald die Sonne weg ist. Ich trockne nur kurz mein Zelt im Wind, wir filtern Wasser und dann ziehen wir uns bereits wieder mehr Schichten an.



Wieder die Handschuhe und wieder die Kapuze über. 1800hm und immer noch so kalt dank Wind. Also weiter absteigen. Es kommt und kommt keine Möglichkeit für unser Zelt. Irgendwann, als wir die Hoffnung schon aufgegeben haben, biegt eine Fortstraße ab, der wir folgen und nach über 200 Metern endlich eine einigermaßen ebene Fläche finden. Ich finde den Platz okay, würde mich auch allein hierherlegen, Clara prophezeit sich eine unruhige Nacht. Die Sonne wärmt uns nochmals kurz. Kochen und gegessen wird dann wieder in der Kälte. Was für ein Wetter heute und das bei 15 Prozent Regenwahrscheinlichkeit.
Unsere Zelte brauchen heute beide ein wenig mehr Aufmerksamkeit von uns: Wind und kaum die Möglichkeit Heringe in den Boden zu rammen ist keine gute Kombi.
17.Tag 20.8km, 6:35 Stunden, 1141hm
Über Nacht hat sich eine Nacktschnecke ein Haus zugelegt und gemeint sie kann mein Mash-Anteil des Zeltes komplett einsauen. Guten Morgen.

Kurz vor 7 sind wir wieder startklar. Ein Hund in nicht abschätzbarer Nähe hat Clara dazu veranlasst noch schneller zu packen als sonst (von ihr kann ich noch was lernen bezüglich Effizienz beim Packen). Ich hab nur mit den Schultern gezuckt und gemeint wenn jetzt wer kommt ist es auch schon egal, es ist offensichtlich das wir gezeltet haben und ändern kann ich es auch nicht mehr. Clara findet ich bin immer so gelassen und mutig – das kann ich nur bedingt annehmen, finde ich mich selbst oft zu schisserisch und analysierend. Aber das ist offenbar eine Sache der Perspektive.
Der Abstieg nach Donnersbachwald zieht sich. Als wir im Ort Wasser auffüllen und eine 2. Frühstückspause einlegen, merke ich, dass ich schlecht gelaunt bin. Ich hab das Gefühl alles zieht sich so ewig. Also lieber mal auspowern und alleine weiter. Wir verabreden uns auf der nächsten Alm, 1 Stunde laut Tafel. Eine Forststraße und Musik in einem Ohr bringen mich rauf, schlechter Kaffee holt mich dann wieder runter.
Ich kann wieder schmunzeln über den bereits 2.Regenschauer heute, Clara kommt kurz darauf. Der Aufstieg zur Scharte wird bald schön


und ich weiß endlich den Namen einer schönen Blume mehr: Alpenglöckchen.

Auf der Scharte gibt es einen grandiosen Ausblick, begleitet mit frontalem Wind und keine Minute später mit Regen der immer stärker wird. Uns knurren die Mägen als wir uns auf den Abstieg machen. Rutschig und matschig, was sonst. Der reissende Bach neben uns ist wunderschön, soviel Blick für die Landschaft muss schon noch sein. Auch für die grandiose Bergkulisse direkt vor uns.


Wir sehnen uns einen überdachten Hochsitz her, aber nichts da. Die Fernsicht verschwimmt kurzzeitig und dann ist es plötzlich wieder blau. Eine Bank im Nirgendwo ernennen wir zum Mittagspausenplatz, die Füße und Schuhe zum Trocknen in die Luft gestreckt.
Weiter geht’s hinunter. In Summe 1560 heute. Die Knie zwicken ein wenig. In Mösna, wo der Flieder 1 1/2 Monate später als in Wien in voller pracht blüht und riecht, okkupieren wir die nächste Bank, Füße wieder raus aus den Schuhen und Pause für Clara, die seit der Scharte Müdigkeit verspürt. Wir einigen uns darauf in St.Nikolai zu nächtigen, auch wenn ich gerne ein wenig weiter gegangen wäre um den nächsten Tag zu erleichtern. Aber so gibt es zumindest eine Dusche, Zeitungspapier für unsere Schuhe und weil wir Essen ja mitschleppen, Abendessen im Bett.

Während ich Tagebuch schreiben gehe, überlegt Clara was sie morgen macht. Nach mehreren Ideen steht für sie fest sie geht nicht mit über die Haseneckscharte. Sie geht noch ein wenig auf der Passstraße und hält den Daumen raus wenn sie keine Lust mehr hat. Sie hört auf und macht sich auf den Weg nach Hause um mit ihrem Freund nach Norwegen zu fahren um dort einen Pilgerweg zu gehen.
18.Tag 46.6km, 11:40 Stunden, 2239hm
Der Abschied in der Früh ist herzlich. Clara gibt mir noch ein paar sehr liebe Worte, wie sie mich in den letzten Tagen erlebt hat, mit auf den Weg.
Meine morgendliche Beschäftigung besteht darin, schneller auf der anderen Seite des Zaunes zu sein als die Kühe bei mir, oder mich als Hirtin versuchen.


Bei letzterer Begegnung bin ich so mit den Kühen beschäftigt und dass ich ja keine in Bedrängnis bringe, dass ich glatt den Abzweiger meines Weges versäume. Also geh ich steil querfeldein den Hang hinauf. Den tatsächlichen Weg zu finden ist gar nicht so einfach. Ein Meer aus Grasnarben – der vermeintliche Weg entpuppt sich als Kuhtrampelpfad. Die Sonne blendet mich, ich versuche mich anhand von GPS wieder näher zu bringen, mal sehe ich eine Markierung weiter oben, mal unter mir. Ich entschließe mich einen Punkt in der Ferne auf selber Höhe anzupeilen, laut Karte kreuzt der Weg dort einen Bach. Tataaaa, ich bin wieder auf einem ersichtlichen Weg und dieser beginnt sich in Serpentinen den Hang hochzuschrauben. Ich komme ordentlich ins Schnaufen, aber das Panorama ist einfach nur der Hammer.





Ich erblicke in der Ferne sogar den Dachstein, kontrolliere aber lieber nochmal mit meiner geliebten PeakFinder App nach. Ja er ist es. Jetzt schlägt mein Herz noch schneller, also auf Anschlag.

Bisschen Tempo rausnehmen, schließlich sagt die Karte von Alpenvereinaktiv, dass ich sowohl im Auf- als auch im Abstieg auf ausgedehnte Schneefelder treffen werde. Da möchte ich nicht vollkommen erschöpft sein.
Der Weg wird schmäler, der Hang steiler, immer mehr Gipfelreihen zeigen sich.


Nach 3 Stunden stehe ich auf der Scharte und versuche kurz das Schneefeld direkt beim Abstieg auszublenden und das 360Grad Panorma zu genießen. So vielfältig. Jede Himmelsrichtung anders.

Mein Hirn ist nun aktiv ohne Ende. Es versucht sich zu orientieren, Gebirgsgruppen und Täler zuzuordnen, Gipfeln einzuordnen,…ich könnte so Stunden verbringen und ständig jauchzen vor Freude wenn sich eine neue Verknüpfung in meinem Hirn bildet, oder ich etwas wiedererkenne. Ich habe Clara im Ohr, die die Tage mal meinte: dank dir kenne ich mich jetzt ein wenig in den Alpen aus. So mantraartig wie du über Berge, Gebirgszüge, Verbindungswege und Regionen erzählst, ist viel bei mir hängengeblieben.
Ich frage mich wie es für mich sein wird, wenn ich in Gegenden komme, in denen ich gar nichts mehr erkenne.
Und nun zum Schneefeld. Widererwartend war der Aufstieg schneefrei. Auch hinunter sieht es gut aus. Wäre da nicht das Feld direkt von der Kante weg, das über den Weg geht. Ich analysiere meine Möglichkeiten und entscheide mich gegen oben drüber kraxeln auf steilen Fels, sondern dafür, unten drunter auf einem steilen, nassen Grashang zu queren.
Der weitere Abstieg ist gut zu gehen, 2 mal kreuze ich ein Minischneefeld, auf dem jeweils nur eine große Fußspur zu sehen ist. Viel los ist hier nicht. Ein großes Dankeschön ans Universum, dass es nicht mehr, oder an heiklen Stellen Schneefelder gab, denn diese sind schon ziemlich weich und rutschig, aber an den Rändern ersichtlich noch ziemlich dick.



Nach insgesamt 4:20 Stunden erreiche ich einen Hütte im Talschluss und trinke erstmal einen Kaffee und bestelle etwas Süßes. Meine Beine ruhen, mein Hirn rattert. Die letzten Tagen durch die Wölzer und Rottenmanner Tauern waren so schön, ich stelle mir bereits für den nächsten Sommer eine 3-4 Tagestour mit biwakieren und überwiegend Kamm- und Gipfelwanderung zusammen.
Nun folgt der lange Abstieg ins Tal, der aber auf den ersten 8 km überraschend schön ist und sogar Plätzchen zum Verweilen bietet.

Ich nehme mir die Zeit, weil ich mir direkt nach St.Peter im Aufstieg auf die Stolzalpe einen Zeltplatz suchen möchte und ansonsten zu früh dran bin.
Aber in der prallen Sonne halte ich es nicht lange aus. Als die Gegend urbaner wird, wird es bisschen mühsamer, aber die Zeit vergeht trotzdem wie im Flug. Ich verpasse erneut eine Abzweigung und mache somit 1.5 km Umweg. Um 16:15 bin ich in St.Peter am Kammersberg und suche mir bei der Kirche einen Wasserhahn um meine Flaschen aufzufüllen. Friedhöfe und in dem Fall Kirchen mit alten, gepflegten Grabstellen, haben meistens Wasser.
Ich trödel ein wenig, geh dann aber doch bald los in der Hoffnung eine gute Stelle zu finden und dort mich auszuruhen bis ich später mein Zelt aufstelle. Dem soll aber nicht sein. Jede Forststraße biege ich ab, bei keiner fühle ich mich wohl. Zu viele Hochsitze, zu einsichtig vom Weg, private Hütchen in der Nähe,
… ich gehe also Kehre für Kehre weiter nach oben im stickigen und warmen Wald. Was ich oben in mich reinleere, kommt auf direkten Weg aus meinen Schweißdrüsen wieder raus.

Zu allem Überfluss treffe ich bald auf das erste Gatter. Die geben sich nun die Klinke in die Hand, ich bin somit nie aus einer Kuhherde raus, sondern in der nächsten drin. Bei fast allen Gattern kämpfe ich mit allen Kräften sie überhaupt aufzubekommen, das nervt. Ich komme dem Gipfel immer näher und ärgere mich kurz, dass ich nicht doch weiter unten einen Platz genommen habe. Aber es wäre keine ruhige Nacht geworden, also was solls. Beim letzten “ Almhüttchen“ überlege ich mich beinhart in den abgezäunten Bereich zu legen, aber zu wenig Platz und wohl ist mir dabei auch nicht. Die ganze Norseite der Stolzalpe ist also ein Schlafplatz für Kühe und somit keiner für mich.

Ca 100hm vor dem Gipfel muss ich meinen Rucksack abnehmen um gerade noch so ohne durch einen Durchgang zu passen. Wer konstruiert so etwas? Zumindest war dieser nicht noch zusätzlich mit Stacheldraht umwickelt, auch das hatte ich in letzter Zeit öfters.

Dann geht’s steil bergauf durch Heidelbeerfelder, ich glaube ich bin in einer kuhfreien Zone. Gipfel: 38km, 2200 hm bereits unter den Beinen. Ich bin in meinem Leben noch nie soviele hm gegangen. Ich habe hunger, es zieht hier heroben wie im Vogelhaus und die Unsicherheit doch in einer Kuhherde zu sein ist zu groß. Ich beginne mit dem Abstieg und allmählich spricht der Wahnsinn aus mir, ich fühl mich überdreht. Ich schnappe mir einen Müsliriegel um zumindest den Zuckerspiegel aufrecht zu erhalten. Mittlerweile ist es weit nach 19 Uhr und ich komme immer mehr zu dem Entschluss, dass ich nach so einem langen Tag lieber in einem Bett schlafen möchte, als im Zelt. Ich möchte ausschlafen und das geht im Zelt nicht.
Also gehe ich weiter, weiter. Wobei gehen nicht der richtige Ausdruck ist. Ich jogge stellenweise den Waldwanderweg hinunter und staune nicht schlecht über mich selbst, dass meine Beine anscheinend ein Eigenleben entwickelt haben. Wenn ich einen Stein zum Draufsteigen, eine Wurzel zum Übersteigen, eine Grasnarbe zum Schlammausweichen entdecke, ist mein Fuß bereits drauf. Die bewusste Verarbeitung der visuellen Eindrücken hinkt dem unbewussten steigen offenbar hinterher. Ein sonderbares Gefühl, aber ich finde es lustig von meinen Beinen entkoppelt 950hm abzusteigen.

Ich sichere mir ein Zimmer in Murau, kündige meinen Hunger an und werde auf Suppe und Toast vertröstet. Na gut, im Notfall werfe ich mir halt den Kocher wieder im Zimmer an.
Die Wegmarkierung des Salzsteigweges ist unzureichend seit Tagen, mit einem Rest von Akku am Handy navigiere ich mich Abkürzung für Abkürzung, also am Wanderweg hinunter.

Um 21:15 treffe ich leicht aufgedreht im Hotel ein,

werde sofort in den Speisesaal geführt und bei der Zimmerschlüsselübergabe sagt noch die Rezeptionistin: „zweiter Stock, vorne bei den Stufen links ist der Aufzug“ .
„Ah die paar Höhenmeter schaffe ich noch locker“.
19.Tag 0 Kilometer
Ich bin gestern nur langsam zur Ruhe gekommen. Habe noch bis Mitternacht telefoniert und war trotz abgedunkelter Fenster um 7:15 wach. Schade, ich wollte so gerne ausschlafen. Aber die Vorfreude auf ein großes Frühstücksbuffet war zu groß. Und die Vorfreude auf meine Eltern. Ich habe mir den Hüftgurt zu meinem Rucksack zu groß bestellt und zu spät gemerkt. Der Neue wurde aus Deutschland geliefert und meine Eltern ließen es sich nicht nehmen ihn und paar andere Dinge die ich gleich zum wiederauffüllen ( Sonnencreme, getrocknetes Suppengemüse, Zeltschnur die ich verloren habe, Chinesiotape, Gaskartusche,….) haben wollte, mir persönlich zu bringen. Solange ich noch so nahe bin überzeugt man sich gerne persönlich ob es mir wirklich gut geht und füttert mich den ganzen Tag mit guten Kalorien durch. Muskelkater habe ich von gestern übrigens keinen.
Der Tag vergeht schnell und schwupps liege ich wieder im Bett, das Zimmer sieht aus als wäre eine Bombe explodiert, ich habe wenig Ahnung über meine weitere Strecke und die Wettervorhersage kündigt wieder Gewitter an. Ausgerechnet wenn es auf meine geliebten Nockberge geht und ich dieses mal andere Teile davon erkunden kann…