8. Etappe Vinschgau und Ortlergruppe

Kurz vor Völs – kurz vor Lago die Cancano 162,8 km und 6428 hm
10.7.- 15.7.2023

Gesamt bis kurz vor Lago die Cancano 1004,8km und 44.654hm
41 Wandertage
4 Pausentage

40.Tag 21.8km, 1245hm, 5:45h
Mit offener Apside hatte ich eine einigermaßen erholsame Nacht.
5:30, mich weckt die Dämmerung und das Schnaufen eines Bergläufers.
6:15, alles ist verpackt weil so gut wie trocken, ich schultere meinen Rucksack und steig weiter ab nach Völs am Schlern.


7:10, ich kaufe mir 2 süße Teilchen und Gebäck beim Bäcker.
7:30, das Kaffeehaus gegenüber sperrt auf, ich bestelle 2 Cappuccino.
8:04, der Supermarkt hat seit 4 Minuten offen, ich kaufe mir Mittagessen für die nächsten 3 Tage ein, den Rest habe ich noch.
Und weiter geht es hinunter. Hinunter nach Steg, auf sage und schreibe 380Meter über dem Meer. Gestern war ich noch auf 2560hm, macht also einen Abstieg von über 2000hm an ein und dem selben Berghang. Nicht schlecht.
In Steg überquere ich die Eisack und unterquere die laute Bundesstraße. Rauf gehts. Steil, heiß, stickig, verdammt heiß, Weinanbaugebiet,

schöne Häuser, irre heiß, tlw. Schatten, …so erarbeite ich mir hart jeden Höhenmeter. Wenn es jetzt regnen würde, mein Oberkörper könnte gefühlt nicht noch nasser werden. Oder doch direkt unter die Sprinkleranlage. Wie schön wäre das jetzt?!

Das ist echt gemein. Vorgestern hatte ich noch Handschuhe an und mir froren trotzdem die Finger, heute sitze ich in Klobenstein im Schatten und und wringe mein T-Shirt aus. Mein Körper ist überfordert mit dem schnellen Temperaturanstieg.

Ich werde WLAN und Cappuccino fündig und recherchiere meine Möglichkeiten. Bei den Bedingungen komme ich heute nicht mehr weit. Es soll keine Gewitter geben, zelten wäre also super. Im weiteren Aufstieg schwierig, bis zum Abstieg schaffe ich es heute nicht mehr. Zu heiß, zu ko. Gestern ist der Schlafsack schon an mir geklebt weil ich klebe und weil es warm war. Selbst mit viel Phantasie sehe ich mich heute nicht im Zelt. Pemmern hat eine sehr günstige Unterkunft und noch etwas frei, perfekt, ich habe eine Dusche in Aussicht.

5 min vor Siesta falle ich noch in den Supermarkt in Klobenstein ein. Nur für ein Cola. Tomate und Fisch kommt dann als Mittagessenupgrade spontan auch noch mit.

Gut gestärkt fühle ich mich wieder ein wenig besser und möchte das Dorf verlassen, da sehe ich eine Konditorei. Na super, da bin ich wohl bei meiner Ankunft vollkommen blind in meinem Hitzedelirium daran vorbeigestiefelt. Also rein, Rollade kaufen und Kaffee Nr. 5 für heute.

Ich bemerke, dass sich an einer Stelle meine Sohle beginnt abzulösen. Wird es also doch Zeit für neue Schuhe und nicht nur prophylaktisch.


Nach 2 Stunden Pause fühle ich mich im Stande weiter zu gehen. Das viele Essen macht den weiteren Aufstieg nicht einfacher, aber das war’s wert.
Der Weg führt mich an Erdpyramiden vorbei. Total spannend wie diese entstehen und dass sie so lange einen Stein auf ihrer Spitze balancieren.


Am Nachmittag komme ich beim Gasthaus Pemmern an. Ich denke mir noch auf den letzten Metern, dass die Hitze hier heroben auf knapp 1600hm wieder etwas erträglicher ist, als der Thermometer 29 Grad anzeigt und die Wirtsfrau mir sagt, dass es ungewöhnlich heiß heute für hier heroben ist. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Grad es während meines Aufstieges hatte.
Blog fertig machen mit schlechten WLAN, telefonieren, sehrsehr günstiges Youth-Hostel in Meran buchen (booking hatte abnormale Preise für Unterkünfte und kein Hostel. Zum Glück hatte ich noch eine Eingebung). Nach 2 Duschen denke ich wieder unter den Lebenden zu sein, bis ich mich beim inkludierten Abendessen so sattessen kann, dass ich wieder ein wenig damisch bin. Nicht angekündigte Gewitter die den Himmel erhellen, lassen mich aber schnell wieder wach sein.

41.Tag 32.3km, 1870hm, 8:10
Wegen einem Frühstücksbuffet geht es erst kurz nach 8Uhr los. Alles diesig um mich herum. 15 Minuten später bin ich wieder nassgeschwitzt, das ist doch nicht mehr normal bitte. Abgesehen von der Gondel finde ich, dass der Berg eine Mischung aus Schneeberg und Raxplateau ist. Na gut, auf dem Foto nicht, aber…

Zum Größenverlgeich:

Nicht einmal mit normalen Rucksack passt man hier durch. Mir ist es grad zu blöd meinen abzunehmen. Am Rücken bin ich das Gewicht gewöhnt, aber jedes Mal wenn ich ihn mit der Hand hochhebe denke ich mir, den trag ich keine 5 Meter. Also klettere ich über den Zaun.
Beim Unterhorn entscheide ich mich gegen die letzten 200hm zum Rittner-Horn-Gipfel, die Sicht ist so dermaßen schlecht, das kann ich mir getrost sparen. (Foto: Rückblick auf die Dolomiten)


Ich traversiere in einem lieblichen auf und ab den Berg entlang. Schön hier. Der Abstieg nach Bundschen zieht sich dann endlos. Von 2000 auf 900hm. Runter ins Sarntal um dann auf der anderen Seite wieder rauf zu müssen. Viele Walderdbeeren am Wegesrand versüßen mir den Abstieg. Dank der Sonne rieche ich sie meistens bevor ich sie sehe.

Es ist 12:30 als ich im Tal ankomme, die Wettervorhersage sieht ab 15 Uhr leichte Chancen auf Gewitter, ab 17Uhr 70Prozent. Na gut, ein Plan muss her. Bis zur Hauserberger Alm schaffe ich es wahrscheinlich, zur Not muss ich dort fragen. 2:40 steht angeschrieben und es geht sausteil hinauf. Ich schnaufe ohne Ende, die Steigung will einfach nicht gnädiger werden. 500hm auf 2,3km. Jeder der gerne Wandern geht und sich mit Zahlen beschäftigt weiß, wie zach das Stück war. Danach wird es etwas besser und kurz vor der Alm total schön.
Und hier? Alle Balken beiseite schieben um auf die andere Seite zu kommen?

Nicht mit mir, ich kraxel lieber zum 2.Mal heute über einen Zaun.
Nach bereits 2 Stunden sehe ich die süßen Hüttchen der Alm.

Kurz überlegen, Himmel anschauen, nächste Alm auf der Karte suchen, Beine befragen….ja okay, ich gehe weiter, obwohl es schon 24km heute waren. Der Weg rauf zu den Stoanerne Mandln ist wunderschön. Mein Zustand ist eine Abwechslung aus federleichtem, dynamischen hüpfen von Stein zu Stein/Wurzeln und unkoordinierten dahinstapfen. Eigenartig.

Trotz Sumpf“warn“- Schild verliere ich kurz den Weg und lande direkt mit meinem linken Schuh im Sumpf – super, über die Seitenränder in den Schuh hineingeschwappt das braune Zeug. Schulterzucken und weiter geht’s.
Ohne Gewittervorhersage wäre hier mit bisschen suchen sicher ein Zeltplatz möglich, trotz Pferde, Kühe und Grasnarben.

Aber mir ist es zu exponiert, mit Gewitter habe ich einfach zu viel Schiss. Endlich den höchsten Punkt erreicht.

Wer sich jetzt bei dem Bild der Stoarneren Mandln fragt warum ich es so eilig habe wieder von der Anhöhe runterzukommen, der dreht sich jetzt am besten mit mir um:


Ich zweige eine Kreuzung zu früh ab, merke aber zum Glück bereits nach 50 Metern, dass die Himmelsrichtung in die ich gehe nicht ganz stimmen kann. Also retour und richtig abbiegen.

2 Stunden nach der letzten und kurz vor der nächsten Alm drossel ich mein Tempo, schnell war ich die letzten Minuten eh nicht mehr. Mit einer eingesammelten, verschimmelten Tupperdose in der Hand treffe ich auf der Alm ein und darf mir einen Platz für mein Zelt suchen. Irgendwie fühle ich mich bei Gewitter bei einem Haus sicherer als irgendwo zwischen Bäumen, oder einer Lichtung. Kurz darauf kommt der Hausherr wieder raus und bietet mir an, weil es in der Nacht richtig stark gewittern soll, dass ich am Heuboden schlafen darf. Mit 3 Katzen und einem Besen zum Sauberkehren. Ja warum nicht.
Um nichts abzufackeln, coldsoake ich meinen Couscous, mache es mir gemütlich

und versuche auf meinen Handykarten meine Wegmöglichkeiten hinter Meran herauszubekommen.

42.Tag 14km, 22hm, 3:16h
Mehrere Gewitter mit Sturm sind in der Nacht über die Scheune hinweggezogen. Auch um 5:30 als ich aufwache regnet und donnert es noch. Um 6:15 ist es so gut wie klar, ich nütze es und starte einfach mal darauf los.

Bis 4km vor Stadtzentrum habe ich fast überwiegend Wanderwege und befinde mich im Grünen.

Mehrere Regenschauer ereilen mich, es ist die ganze Zeit düster. Mein Handy lotst mich über einen Weg, der offensichtlich mal abgesperrt war und der Wegweiser nach Meran zeigt in eine andere Richtung. Ja, da hätte ich auch am Handy einen Weg, aber das ist ein Umweg. Steil und mit ständigen Stoßgebeten, dass es den Weg bis zum Schluss wirklich gibt.

Glück gehabt, 20 Minuten später und unendlich viele HM weiter unten bin ich wieder auf dem offiziellen Weg. 4km vor Meran Zentrum geht’s durch die ersten Apfelplantagen und es beginnt zu donnern.

Jetzt schüttet es ohne Ende. Ich habe meine Regenjacke nur von vorne übergehängt und meine Kappe auf – fürs Regenjacke anziehen ist es zu warm. Was ist das bitte? Ein bunter Automat leuchtet mir aus 10 Meter Entfernung entgegen, ich erkenne Regenschirme darauf. Kurz zögere ich, aber ich glaube es sind gut investierte 5 Euro.

Ein Knirps kullert aus dem Automaten und ich finde die Welt sieht gleich viel besser aus. Beim 1.besten Kaffee mache ich Pause, recherchiere wo es Wanderkarten gibt und bekomme die Infomail, dass meine Schuhe abholbereit sind. Karten waren erfolglos, Schuhe, bis auf die Tatsache, dass sie eine halbe Nummer größer sind, erfolgreich.

Ich darf früher in mein 2 Bettzimmer im YouthHostel, gehe duschen und wieder retour in die Stadt. 2 Kaffee und einen Eisbecher und eine Torte später

reicht es mir aber auch wieder mit dem ganzen Trubel in der Stadt. Ich bin zum 3.Mal in Meran und es hängt die ein, oder andere Erinnung an der Stadt die mir in Kombination mit den viiiiielem Touristen ein wenig die Stimmung dämpft. Zimmer, whatsappen, plaudern mit Zimmerkollegin ist da viel besser.
Das Wasser aus der Wasserleitung ist heiß genug damit ich mir Asia Nudeln machen kann, Chips und ein Podcast sind mein Abendprogram. Wie ich weitergehe weiß ich immer noch nicht, habe zur Zeit irgendwie keine Lust mich damit zu beschäftigen.

43.Tag 32.3km, 390hm, 6:46h
Weil ich mich immer noch nicht entscheiden möchte ob Meraner Höhenweg, oder Talweg esse ich beim Frühstücksbuffet einfach immer weiter. Und weiter. Und weiter. Meine Motivation bei Gewitter und Hitze 1500hm aufzusteigen um am nächsten Tag wieder nach Naturns abzusteigen haltet sich in Grenzen. Ich entscheide mich also erstmal nach Naturns im Tal zu gehen und dann erneut zu entscheiden.
3 Stunden dauert das. 1 1/2 Tage gegen 3 Stunden. Entlang vom Etschradweg, den ich bereits 2 mal vom Reschenpass Richtung Meran und weiter runtergerast bin ( weil er so grenzgenial zu fahren ist). Jetzt habe ich also Zeit mir alles genauer anzusehen. Auch nicht verkehrt.

In Naturns kehre ich für 2 Kaffee und 2 Croissants ein und es beginnt leicht zu regnen. Die Berge sind bereits zum Teil mit Wolken verhangen, meine Stimmung ist immer noch träge. Von Naturns aus könnte man für 2 1/2 Tage auf den Vintschgauer Höhenweg. Der aber nicht ganz oben verläuft wo es von hier herunten schön aussieht, sondern auf mittlerer Höhe der Berge, tlw. auch auf Asphalt… .
Ich merke ich habe mich eh bereits entschieden, daher hält sich das rechtfertigende Selbstgespräch sehr in Grenzen – ich bleibe im Tal, ich habe einfach gerade nicht die mentale Power für bergauf.
Ich kläre noch mit meinen Eltern Trefftag und ungefähren Treffpunkte ab und gehe weiter. Während ich telefoniere sehe ich in der Ferne eine Gestalt mit „großem“ Rucksack und 2 Stöcken. Das muss Martin sein. Ich habe von einem anderen Martin, dessen Kontakt ich von anderen Wanderern bekommen habe, erfahren, dass ein Martin auch in Meran ist und im Tal geht. Ich hole ihn bald ein, er geht langsam, wie sich rausstellt wegen Knieschmerzen. Beide Martins sind von Wien nach Nizza unterwegs. So klein ist die community Wien – Nizza, irgendwie finden Vernetzungen statt.
Mal kurz zum Wien- Nizza (Monacco und Umgebung) Phänomen: es gibt nicht DEN Weg, es ist kein offizieller Weg. Jeder sucht sich seine Strecke, aber viele Routen ähneln sich und die Karnischen Alpen, sowie die Dolomiten geht eigentlich so gut wie jeder. „Jeder“….schätzungsweise 10-20 Personen pro Jahr. Die überwiegende Mehrheit sind Männer. Ein paar wenige Pärchen. Seit 2018 habe ich 4 alleinwandernde Frauen im Internet gefunden, 2 davon haben ihr Ziel erreicht.
Wir gehen bis zum Campingplatz in Goldrain zusammen, überwiegend im Regen und haben genug Gesprächsstoff. Martin ist neidisch auf meinen Knirps, er schwitzt unter seinem Poncho.


44.Tag 33.8km, 1261hm, 6:35h
Um kurz nach 5Uhr wecken mich die Vögel auf. Um 6:05 verabschiede ich mich von Martin und gehe los. Meine Eltern kommen heute am Heimweg von meinem Bruder in der Schweiz zu mir auf Besuch, da ist die Motivation hoch flott zu gehen.
Ich finde den Rad- und tlw Wanderweg total in Ordnung und tlw sogar schön.

Nach 10km hole ich mir einen Steh-Espresso und marschiere weiter. Im Nirgendwo stehen Spiegeln. Darf ich vorstellen…neue Schuhe, neues T-Shirt (altes hatte bereits mehrere Löcher und war verfärbt) . Und weil es wahrscheinlich nicht bergauf geht heute, bekommen meine Waden Stutzenfrei und dafür Sonne.

3:30 Stunden und 19.6km später bin ich in Prad. Cappuccino und Croissants Stopp. Ich schreibe meine Eltern Treffpunkt nicht Prad sondern Stilfs und mache mich auf den Aufstieg. Ein schöner Weg bringt mich hinauf. Inklusive ersten Blick auf den Ortler.

Kurz vor dem Dorf rutsche ich aus, obwohl ich mir noch gedacht habe „Achtung nasses Holz“ und stürze.

Es ist der 3. Sturz seit Wien und mein linker Arm schmerzt. (In den nächsten Tagen spielt er alle Farben durch, sodass ich sogar darauf angesprochen werde)

In Stilfs komme ich 10 min vor Minisupermarktschluss an und kaufe mir ein Cola. Meine Eltern haben immer noch keinen Empfang, sie sind also noch in der Schweiz. Ich schaue auf meiner Karte nach, wo meine Eltern noch mit dem Auto hinkommen können und meinen Wanderweg kreuzen und gebe ihnen erneut bescheid: nicht Stilfs sondern bitte Wildgehege Fragges. Was ich heute kann besorgen, das verschiebe nicht auf morgen
…so hab ich morgen nicht 2000hm sondern 1600hm, also auf geht’s zum 400hm weiter oben liegenden Gehege. Über Höfe und durch den Wald, schwupps bin ich oben. Meine Eltern haben immer noch keinen Empfang. Warten möchte ich nicht, also geh ich wieder hinunter. Mag sein, dass man mich jetzt für komplett verrückt hält, aber mir ist danach. So waren es dann doch heute paar Höhenmeter. Ich komme in Stilfs an, lösche alle Nachrichten und schreibe: wie ausgemacht bitte Stilfs.
Als ich meinen Cappuccino ausgetrunken habe, sehe ich sie einparken. Ich springe wie eine Verrückte vor Freude vor dem Auto auf und ab! Gott ist das schön, dass das geklappt hat und auch wenn es keine Schuhe zum Liefern gibt, sie trotzdem den Umweg auf sich genommen haben um mich zu sehen. Wir beziehen unser Quartier, meine Eltern haben an viele Kleinigkeiten gedacht was ich evtl brauchen, oder tauschen möchte, ich kann meine Fotos am Laptop sichern, mit Hirschtalgsabe urassen und dank vieler Geschichten von meinen Nichten und Neffem gibt es viel zu lachen. Viel zu schnell vorbei die Zeit, ich falle totmüde ins Bett.

45.Tag 28.6km, 1640hm, 6:54h
Ich habe unruhig geschlafen und bin ziemlich müde als ich aufwache. Wieder einmal ausschlafen ist schon länger mein Traum. Aber selbst an den Ruhetagen, wache ich früh auf.

Das Frühstücksbuffet ist das größte das ich jemals gesehen habe. Danke noch einmal für die Einladung Mapa!
Wir fahren zum Wildgehege, den Ort zu dem ich gestern noch hoch und wieder runter bin. Den Abschied halten wir wieder kurz, aber dieses mal fällt es mir nicht so leicht. Es drückt mich ordentlich. Jetzt bin ich bis zum Ende alleine. Es war zwar keiner der Besuche und Mitwanderungen in Stein gemeißelt, aber irgendwo schwebte immer ein „da kommt vielleicht noch jemand“ im Raum. Jetzt kommt aber niemand mehr und plötzlich wirkt die Distanz und die fehlenden Tage bis ans Meer überwältigend viel.
Was tun? Genau, einfach drauf los marschieren.

Ich habe wieder Glück und werde wie bei den letzten Abschieden auch, schnell abgelenkt. Der Ortler steht in seiner vollen Pracht vor mir.

Noch nie habe ich mich so klein vor einem so gewaltigen, mit Gletscher bestückten, Berg gefühlt. Mir wird tlw fast schwindelig so riesig steht er vor mir. Mein Weg ist ein Traum, auch auf dem Berg auf dem ich unterwegs bin gibt es viel zu sehen, der Weg ist schön und immer zu meiner Linken der Ortler. Manchmal ziehen Nebelschwaden auf, verhüllen ihn, oder mich und lassen einen kurz darauf wieder in der Sonne erstrahlen.

Immer wieder passiere ich Infotafeln über die Bedeutung der Region im 1.Weltkrieg und über Gletscher und co. Ich fotografiere sie mir ab, so habe ich am Abend etwas zu lesen.


Der Aufstieg aufs Stilfserjoch, bzw zur Dreisprachenspitze hat zwar 2 langgezogene Querungen, aber er ist so kurzweilig, dass ich mich nach 3 Stunden 15 wundere schon oben zu sein. Kurz davor haben es aber schon die Motorengeräusche der Autos und Motorräder angekündigt, dass ich es bald geschafft habe.

Ich kehre ins Refugio Garibaldi ein und lasse den Trubel am höchsten Pass Italiens unter mir.

Auf der Dreisprachenspitze ist nur noch eine Sprache vorherrschend: italienisch. Nach dem Sellajoch konnte ich mich zu 99Prozent auf deutsch unterhalten (keine Ahnung was das da am Anfang, vor allem in den Sextner Dolomiten war, denn „eigentlich“ spricht die Mehrheit der Südtiroler Deutsch). Nach 2 Cappuccino verlasse ich die Hütte wieder.
Ich drehe mich noch ein paar Mal im Kreis, um die Schönheit und Vielfallt einzusaugen (Stilfserjoch geistlich ausgeblendet),

bevor ich mit dem Abstieg zum Umbrailpass beginne. Rot, weißlich, braun, grün, …jede Blickrichtung so divers.


An einer windgeschützen Stelle verzehre ich mein Mittagessen um mir kurz danach wieder kurze Sachen anzuziehen ( auf der Hütte war’s so kalt, dass ich mich umgezogen habe).

Hinunter geht es über Serpentinen die früher ein Handelsweg waren.

Der Umbrailpass ist der höchste Pass in der Schweiz, mein Gastspiel mit ca 2 km ist kurz, bevor ich wieder nach Italien wechsel.
Es geht wieder nach oben, zur Furkascharte. Ich bin so mega glücklich gerade, die Landschaft hat mich total gefesselt. Dass man immer wieder mal eine Passstraße sieht ist mir egal, das kann ich bei der Umgebung bestens ausblenden. Ich bin im 7. Himmel, was für ein Traumtag. Es stürmt zwar ein wenig, aber ansonsten ist es einfach nur wunderschön. Auf der Scharte bin ich noch mehr überwältigt, falls das überhaupt möglich ist. Ich mache ein Video um annähernd diese unterschiedliche Landschaft im 360GradRadius einzufangen. Irre, einfach nur irre.

Für mich steht fest, dies ist einer der schönsten Wandertage der gesamten Tour. Nie hätte ich gedacht, dass wir auch solche Berge haben, die mich so stark an Südamerika erinnern. Ich beginne mit dem Abstieg. Unzählige Murmeltiere sind unterwegs. Und wieder diese Unterschiede. Grün mit einem Teppich aus gelben Blumen, rotes Gestein, braun, sanft, dahinter schroff,… .

Und kein Mensch weit und breit. Wenn es jetzt noch mit dem wildzelten klappt, dann wünsche ich mir von Universum bitte mehrere solcher Tage (kein Gewitter, tolle Landschaft), denn in diesem Moment habe ich absolut keine Bedenken mehr es bis ans Meer zu schaffen.
Nach sehr langem suchen finde ich, in dem mir von einem Wien-Nizza Wanderer (2018) empfohlenen sehr dichten Wäldchen, kurz vor einem Staudamm, 2 qm annähernd ebene Fläche.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen hier zu suchen, danke Simon (sind im Austausch weil ich meine weitere Route noch nicht entschieden habe und wollte mir Anregungen holen warum, welche Route schön, oder unschön ist).
Ich koche mir Erdäpfelpüree und weil der Spar in dem Dorf in dem ich mit meinen Eltern übernachtet habe ein kleines Sortiment hatte, war ich kreativ und pimpe mein Essen mit Nicknacks und Gulaschgewürz. Schmeckt super und zum Kauen hat man auch noch etwas.