9. Etappe IT-CH-IT-CH-IT-CH

Kurz vor Lago di Cancono- Lago Maggiore/Locarno  253 km, 9023hm
16.7.- 24.7.2023

Gesamt bis Locarno 1257,8km 53.677hm
49 Wandertage
5 Pausentage

Seit Prad am Stilfs ist alles Neuland für mich. Davor gab es viele Dörfer, Berge, Täler,… die ich kannte, wiedererkannte und/ oder Verknüpfung/Verbindungen herstellte. Ein großer Grund und Antrieb für meine Tour. Aber nun ist alles Neu. Ich freue mich darauf und irgendwie bekommt die weitere Zeit dadurch eine etwas andere Färbung.

46.Tag, 39,6km 1682hm 8:55h
Irgendwie schlafe ich immer nur sehr oberflächlich im Zelt. Obwohl ich mich wieder sehr wohl gefühlt habe, habe ich geträumt, dass jemand kommt. Wundert mich, dass ich danach noch einmal unbekümmert einschlafen konnte.
Kaffee und Müsli intus, zieh ich um 6:30 von dannen. Es geht über eine Staumauer und dann endlos eben dahin. Die ersten 3 Stunden bis Arnoga sind sehr unspektakulär.

Bis auf die Tatsache, dass ich während des Gehens nachrechne wann ich denn heute die 1000km Marke haben werde und dabei sehe, dass ich sie gestern schon hatte. Und zwar in etwa auf der grenzgenialen Furkascharte. Toller Ort für ein Jubiläum. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich kurz vor Villach 500km hatte. Das kommt mir vor als wäre es bei einer anderen Tour gewesen, so weit entfernt, soviele Eindrücke und Erlebnisse sind dazwischen.
In Arnoga möchte ich einen Kaffee, aber das einzige Lokal baut um, also esse ich mein Frühstück zu Ende und gehe weiter. Es geht hinauf ins Val Verva. Wunderschöne Kulisse mit einem wunderschönen Bach.

Der Wind weht mir stark entgegen, aber dank breiter Wege komme ich gut voran.
Abstieg nach Eita, was sagt die Uhr: knappe 29km in 5:26 Stunden bei süßen 580hm. Es ist 12Uhr25. Ich setze mich hinter das Refugio und mache es so wie viele Italiener, ich esse mein eigenes Essen im Umfeld der Hütte. Währenddessen dürfen mein Zelt und Schlafsack raus, ich halte die Pause aber kurz. 2 Cappuccino im Refugio müssen dann aber sein, ich überlege mir ob ich noch die Kraft habe über den nächsten Pass zu gehen. Die Beschreibung mit tlw unmarkiert und nicht erkennbaren Wegen, Schuttfeld steil bergauf und einer Angabe von 4 Stunden bis zum Pass und einer weiteren bis zum Bivacco lassen mich zögern. Nochmal 5 Stunden, obwohl ich schon 29km habe. Aber es ist zu früh zum Aufhören, ich sage mir bestärkend: ich habe alle Zeit der Welt (kein Gewitter), also ziehe ich um 13:15 wieder los. Die ersten 2 km gehe ich zügig bergauf, dann wird mein Schritt allmählich langsamer. Es ist so schön hier. Wunderschöner Weg, gigantisch schöne Berge und verzauberte Seen. Ein Traum.

Meine Infos zur Passüberquerung sind aus 2017, offenbar hat sich einiges getan seit dem. Der Weg ist markiert und deutlich sichtbar. Mir soll es recht sein, in diesem Gelände würde ich mich nicht ständig mit GPS orientieren wollen. Lieber genießen. Bis zu dem Zeitpunkt als ich vor dem Schuttfeld stehe. Holla, da geht’s aber steil rauf.

Zum Glück mit einem Pfad, anstregend bleibt es trotzdem. Nach dem steilsten Stück sagt meine Uhr: 100hm auf 400Meter.
Weiter geht es knackig nach oben in Miniserpentinen. Das letzte Stück erwartet mich dann ein Steinfeld. Wie unterschiedlich die Wege auf so kurzer Distanz.

Ich steige, schaue, prüfe manchmal ob die Steine wackeln und bin oben. Nach 2 1/2 Stunden. Angeschrieben standen über 4 Stunden. Ich kann mir bei Gott nicht vorstellen, dass ich besonders schnell war, immerhin hatte ich ja schon knapp 30 Km in den Beinen als ich zum Aufstieg ansetzte. Aber ja, 7,6km und 1110hm bis zur Scharte von Eita aus, ergaben in meiner Berechnung 2:45 + 30min wegen Müdigkeit und fraglicher Wegbeschaffenheit. Also auch flotter als meine Berechnung aufgrund meiner Durchschnittsleistung. War wohl ein guter Tag heute.
Oben feiere ich aber nicht mich, sondern die Aussicht. Der Piz Palü mit 3900Metern strahlt mir entgegen.

Es geht kurz steil bergab und dann gemütlich auf einer hohen Almwiese dahin. Ich passiere mehreren Seen, überlege schon hier mein Zelt aufzustellen, aber je tiefer desto wärmer und extrem feucht, matschige Wiesen sind es auch.

Also steige ich ab bis zum Bivacco auf 2320hm und werfe einen Blick hinein. Mh, mäßig einladend finde ich (am Foto sieht es echt nett aus)

Also erstmal in den See, ich kanns mir ja noch überlegen, es ist erst halb fünf. Am See ziehe ich mir meine Schuhe aus und steig mit einem Fuß auf die Wiese: quatsch! Ich seh noch wie ich Wasser aus der Wiese nach oben drücke und mein Socken nass wird. Na toll. Mit viel Kunst schaffe ich es dann ohne weitere nasse Kleidung mich auszuziehen und klettere in den See. Huschi huschi kalt. Heute schaffe ich es nur, auch weil er dann extrem sumpfig wird, bis zu den Oberschenkeln. Aber auch so kann man sich waschen. Danach genieße ich die Sonne wenn sie da ist, schreibe Tagebuch, betrachte ewig die Berge um mich herum,  koche mir etwas und nütze den Windschatten der Hütte (die Gasflasche in der Hütte war entweder leer, oder ich kann damit nicht umgehen) und beschließe trotz feuchter Wiese mein Zelt aufzustellen. 1.) Finde ich das Biwak nicht einladend. 2.) Zelte ich einfach zu gerne 3.) Kann ich so testen ob mir auf 2300hm kalt wird im Zelt, weil wenn, kann ich immer noch ins Biwak und weiß es für zukünftige Zeltplatzsuche dann besser.
Der Wind kommt gefühlt aus fast allen Richtungen, ich hoffe es bleibt brav stehen. Die Kulisse und mein Zelt machen sich gut finde ich, das zeigt auch meine Galerie mit unzähligen verschiedenen Lichtstimmungen.


Kurz nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwindet, um 20:05, beziehe ich mein Reich und lese. Bis auf die ersten 15km war das ein toller Tag. Gute Nacht.

47.Tag 22.6km, 1047hm, 6:20h
Es ist 4 Uhr und ich fröstel etwas, aber ein bisschen bewegen und es ist wieder wärmer. Ich schlafe ein, wache auf, bewege mich, schlafe ein, wache auf, … das Spiel spiele ich bis 5:30, dann stehe ich auf. Eh normale Zeltaufstehzeit. Wie erwartet alles extrem feucht. Heute bin ich etwas träge und komme erst um 7Uhr los. Die Sonne lässt sich auch noch Zeit, selbst als ich 50Min später beim Refugio Malghere ankomme ist sie noch nicht hinter den Bergen hervorgekommen. Nach einigen Verständigungsproblemen bekomme ich den WLAN- Zugang zum Cappuccino und eine jugendliche Gruppe die gerade ihre Gebetsrunde abhält inklusive. Ich telefoniere in die Heimat, dort wird auch gerade Cappuccino getrunken. Ich trödel und hole mir einen 2.Capuccino. Erst um 9:15 gehe ich wieder weiter. Rauf zum Pass Richtung Schweiz. Der Weg ist mit unzähligen Bächlein gesäumt und bald stehe ich vor dem Lago Malghere. Hier gibt es auch ein Bivacco, etwas schöner als das gestern. Weil ich heute in Trödellaune bin suche ich mir ein Plätzchen und gehe in den See auf 2300hm. Schön erfrischend. Schöne Umgebung. Herrlich! (Wer findet das Biwak am See?)

Die letzten Höhenmeter zum Pass sind schnell gemacht, runter geht’s anfangs steil,

dann durch eine wahrscheinlich erst unlängst abgegangen Mure und weiter durch den Wald. Danach zieht sich die Strecke ewig. Ständig mit dem Blick auf die Stadt im Tal und dem gegenüber liegenden Berg den ich wieder rauf muss.

Von 2450 runter auf 1050. Von angehnem zu heiß. Es ist kurz nach Mittag als ich endlich im Schatten der Kirche in Poschiavo Platz nehmen kann. Ich esse und lasse mich ein wenig ausdampfen, bevor ich mich in ein Kaffee setze und im WLAN versinke. Ich schreibe mit einer Freundin, recherchiere das Wetter das ab übermorgen wieder ständig Gewitter vorhersagt, überlege meine Etappenmöglichkeiten inklusive günstiger Schweizer Unterkünfte, aktiviere meine Schweizer SimKarte,….und schon sind 2 Stunden rum. Meine Recherchen bezüglich des nächsten Supermarktes habe ich bei Tag 5 aufgehört – mehr kann ich eh nicht tragen. Also kaufe ich beim Coop für 4-5 Tage (auch wenn ich befürchte eh nicht so oft zelten zu können) Frühstück, Mittag, Abend + Süßes, Nüsse und Snack ein und dazu noch 3 Leckerein zum sofort Essen. 45 Franken.

Nicht teurer als bei uns. Mein Zelt ist schneller trocken als ich mein Soulfood zu mir nehmen kann.

Wohin ich noch gehe weiß ich nicht, zur Zeit denk ich nur eines: Wie schön war das heute als mein Rucksack so leicht war.
Gemächlich stapfe ich den Berg hinauf. In Selva gibt es eine Unterkunft im Dorm für unschlagbare 35 Franken. Aber ich möchte zelten, wer weiß wie lang ich das noch kann (Wetter). 300 Meter vor der Unterkunft wird gerade Stroh vom Feld geholt. Was nun? WLAN, Dusche, ankommen können, Strom,…oder doch geliebtes Zelt? Ich frage nach, bekomme ein ja, warte 2 Stunden bis das Feld fertig ist, portioniere einstweilen mein Essen und stelle dann mein Zelt auf. Komischer Tag heute.

48.Tag 32,4km 1271hm 8:35h
Zum ersten Mal ist mein Zelt trocken. Juhu! Ich koche mir Kaffee und pack schnell zusammen um in den Wald zu kommen.
Pinkeln müssen und urban zelten passen nicht zusammen. Anfangs im Wald komme ich bald zur letzten Alp und ab da wird es so richtig schön. Die Steigung ist so angenehm, Genuss pur. Was für ein schöner Aufstieg.

Ich glaube so einfach bin ich noch nie auf 2500 gewandert. An der Grenze Schweiz-Italien eröffnet sich mir eine umwerfende Aussicht. Gletscher und ein Meer aus gelben Blumen.

Was für ein tolles Bild. Piz Palü in seiner vollen Pracht.

Über eine kleine Hochebene, durch das Blumenmeer, über einen Gletscherfluss, geht es auf den nächsten Pass direkt daneben und nur unwesentlich höher. Mit einer neuen Aussicht.

Ich würde mir glatt dieses  360Grad Traumpanorma als Fotoleinwand ins Schlafzimmer hängen.

Es stürmt tierisch, daher mache ich mich rasch auf den Weg nach unten. Anfangs ganz schön, zieht er sich dann über eine Weidenlandschaft. Manchmal geht’s mir zu schnell mit den Übergängen in der Landschaft. Ich hätte gerne noch länger und weiter da oben verbracht. Eindeutig muss bald ein Parkplatz kommen – die Menschen werden mehr. Ein Kaffee und Kuchen (ich hab Süßes mit, aber die Kellnerin hat so charmant gefragt ob ich Lust auf Kuchen habe, da wäre nein gelogen gewesen) im Refugio Zoia, danach mein eigenes Mittagessen verspeist und weiter geht’s.

Abwechslungsreich geht’s jetzt zu einem Flussbett mit gigantischen Bergen herum.

Nur die Skipiste danach sich hochquälend weil steil, darauf könnte ich verzichten. Oben würde ich gerne zelten, aber es hat so eigenartig zugezogen, dass ich nochmal das Wetter checke…Gewitter und Regen im Anmarsch. Na toll. Also Abstieg zum Refugio Lago Palü. Am Weg dorthin treffe ich auf 3 Schweizer und komm mit ihnen ins Gespräch. Wir lachen und staunen nicht schlecht, denn wir haben etwas gemeinsam: sie sind auch Wien Nizza gegangen. Allerdings über 20 Jahre lang, in 15 Saisonen, jeweils 7-10 Tage, mit ihren Kindern. Letztes Jahr sind sie angekommen. Was für ein Durchhaltevermögen. Auf der Hütte, es hat direkt zu donnern und regnen begonnen, setzen wir uns zusammen, Gesprächsstoff gibt es genug. Ich bin so vertieft, dass ich mir keine Gedanken mache ob ich bleibe, oder ob es wieder aufhört und ich noch weitergehe. Es ist 17 Uhr, der Kellner kommt, die Hütte ist voll, die anderen 3 haben reserviert, sie schlagen mir vor meine Matratze bei ihnen ins Zimmer zu legen. Irgendwie geht alles so schnell, die Kellnerin ist mega genervt, mir ists unangenehm, eigentlich, ja eigentlich….und schwupps liegt mein Personalausweis im Kopierer und ich hab zugesagt mich am Boden des Zimmers auszubreiten.
Der Abend wird gesellig, zwischendurch reisst es nochmal auf, ich bin im Kopf bei morgen weil Gewitter und Passüberquerung, ärgere mich nicht weiter gegangen zu sein und dennoch ist es gut so wie es ist. Die Einladung auf die Zimmerkosten schlage ich aus, ich habe so schon das Gefühl in ihrer Schuld zu stehen. Froh bin ich darüber, dass sie früh ins Bett wollen. Mein Wecker klingelt um 5 Uhr, dann sollte es sich gut bis zu den Nachmittagsgewittern ausgehen.

49.Tag 22,6km 1067hm 5:50h
Die Nacht war mir total unangenehm- meine Isomatte raschelt, so ist es mir noch nie aufgefallen. Ich drehe mich immer nur um wenn sich jemand von den 3 in deren knartzenden Betten wendet. Um 5 schleiche ich mich raus, packe alles am Gemeinschaftsklo zusammen und checke noch einmal das Wetter. Passt, der Vormittag ist gut, je nach App geht es um ca 12:30 los mit den Gewittern. Um 5:40 gehe ich los und spule die verbleibenden Km ins Sackgassental ab.

2:30 sind angegeben, nach 1:25 bin ich, trotz Fotos machen, über schöne Waldwege in der letzten Ortschaft.

Also schon mal eine Stunde gut gemacht. Die Sackgasse erinnert mich stark an Nordpakistan. Da schlägt das Herz gleich noch schneller.


Trödeln ist trotz Gutzeit nicht drinnen, denn der Abstieg ist angeblich steil und somit möchte ich auch dort nicht ins Gewitter kommen. Aber zuerst muss mal der Aufstieg erledigt werden. 900hm geht es wunderschön und mit einer angenehmen Steigung hinauf. So komm ich zügig voran.

Es zieht zu, da sieht gar nicht gut aus. Ich habe Glück und noch Empfang. Wie bitte? Das Blatt hat sich innerhalb von 2 1/2 Stunden komplett geändert. Plötzlich zeigen alle Regenradars eine starke Regenfront mit Gewitter an. Na toll. Ich bin mitten im Aufstieg, kein Unterstand weit und breit. Prophylaktisch umdrehen, bei bereits 600 von 900hm? In 30min soll es da sein. Vor mir ist es noch hell, ich habe Hoffnung, dass es hält. Sicherheitshalber gehe ich etwas langsamer weiter, denn wenn es mich ereilt, dann bitte eher hier als auf der anderen Seite. 100hm vor dem Sattel, auf 2410Meter beginnt es zu tröpfeln. Mh, vielleicht bleibt es ja dabei. Die Wolken sind nicht zu deuten. Brauche ich auch nicht, es donnert bereits. Und nun? Wo war die letzte Senke? Ich trau meinen Augen kaum, als ich direkt neben mir eine art Höhle entdecke: ein Felsvorsprung und jemand hat eine Steinmauer gebaut. Sie ist zwar nicht groß genug um den empfohlenen Abstand zur Felswand zu haben, aber ich glaube immer noch besser als draußen zu kauern. Ich lege Stöcke, Häferl und Zeltstangen abseits ab, schreibe mit meinem Garmin inReachMini noch schnell eine Nachricht, dass es gewittert und ich mich in einer Höhle verkrieche (so wird der Standort auch gleich mitgeschickt) und kraxel hinein. Es beginnt zu schütten und der Donner ist mal direkt über mir, mal weiter weg, dann wieder direkt darüber zu hören.

Aus Starkregen wird Hagel, was bin ich froh nicht da draußen sein zu müssen. Das bisschen Spritzwasser das ich abbekomme ist mehr als nur erträglich. Mich wundert wie ruhig ich bin. Ich hockerl einfach nur da und warte. Kein Anflug von Panik, oder ähnliches.
Nach 30 Minuten wird es ruhig, der Regen hört auf, ich warte noch ein wenig bis es aufklart und sammel wieder meine Sachen ein. Danke liebes Universum für den Unterstand, was für ein mega Zufall, ich kann es kaum fassen.


Die fehlenden 100hm sind schnell erledigt, in Summe war ich 3:35 unterwegs, von angedachten 5 Stunden.
Der Himmel erstrahlt in einem blau, als wäre nichts gewesen. Hallo Schweiz. Der Abstieg durch die Rinne ist wirklich steil, Serpentinen mit einer Länge von 50cm in jede Richtung bringen mich die ersten Meter hinunter, dann wird es ein wenig besser.

Eine Stunde lang bleibt es aber anstrengend, weil der Weg überwiegend aus größen Geröll/Stein/Blockwerkfeldern besteht.

Beim Fluss mache ich eine Mittagspause und hänge meine Füße rein,

beim bald darauffolgenden See hüpf ich hinein. Dieses Mal in Unterhose, es ist ein Ausflugssee.

Ich habe mir wegen Gewittern ein Bett im Salencia Haus reserviert. Eine Unterkunft in der die Gäste gemeinsam kochen, putzen, Ideen umsetzen, abendlicher Besprechungsrunde,…

mit gestaffelten  Preisen für die Nacht, je nachdem wieviel man bezahlen kann. Anfangs bin ich vom Trubel und dem vermeintlichen Durcheinander etwas überfordert, aber eigentlich ist es total organisiert und strukturiert. Ich darf mich in der Küche bei Kaffee und Kuchen bedienen der noch übrig ist und komme schnell ins Gespräch mit anderen Gästen, die überwiegend für ca eine Woche hier sind.

So wie auch ein Wanderer (sorry, Namen vergessen), der in Villach gestartet ist und auch Richtung Meer wollte. Er ist seit mehreren Tagen hier und hat beschlossen aufzuhören. All das organisatorische an dem Projekt ist ihm zu viel. Die Logistik und alles rundherum, zu anstrengend, zu Zeit- und Nervenintensiv. Das Wetter, die Hütten, das umrouten,.. . Er spricht mir aus der Seele als er sagt: ich möchte doch einfach nur gehen!
Abends gibt es gutes Essen und die Kids haben eine Party organisiert und geben 4 Lieder von den Ärzten zum Besten – ich amüsiere mich köstlich und habe eine gute Zeit. Ein wirklich toller Ort hier finde ich.

50.Tag 34,8km 1503hm 8:25
Offiziell startet das Frühstück um 8 Uhr. So manche, die eine Tagestour machen, frühstücken bereits früher. Ich bringe es nicht übers Herz mich zu bedienen, während noch gedeckt wird und helfe lieber mit. So komme ich erst um 8:30 los. Der Aufstieg führt entlang eines wunderschönen Berghanges. Das satte Grün fasziniert mich immer noch. Mich zieht aber auch der Piz Bernina (4048hm) in den Bann.

Der einzige 4000er in den Ostalpen. (Ja ich bin schon so weit gewandert und befinde mich geographisch immer noch in den Ostalpen.) Was habe ich für ein Glück, dass sich all die Spitzen der Berninagruppe zeigen. Es geht an einem schönen See entlang.

Heute ist es aber trotz Sonne ziemlich kalt, ich bin kurz davor mir etwas langes anzuziehen. An ein Bad ist also heute nicht zu denken.

Auf den ersten Pass von heute habe ich mich schon seit zu Hause gefreut: ich befinde mich an einer dreifachen Wasserscheide (laut Schild die einzige in Europa, das Internt widerspricht). Von hier aus fließt das Wasser in 3 Meere. Mich hat diese Tatsache schon zu Hause fasziniert. Jetzt hier stehend hätte ich gerne eine Landkarte dabei um mir die verschiedenen Richtungen und weiteren Flüsse anzusehen in die das Wasser von hier fließt.


Ich gehe weiter, denn die Landschaft dahinter, genau, ist atemberaubend. Ich kann mich nur wiederholen: so bunt, so schön, so überraschend.

Bald zeigt sich zu meiner linken auch ein Gletscher.

360Grad purer Bergetraum. Sattsehen und begreifen ist noch weit entfernt. Runter zu einem Sattel und rauf zum nächsten Pass. Abermals schön. Ich bin einfach nur happy. Am 2.Pass wieder eine faszinierende Landschaft auf der anderen Seite.

Ich steige über grünes Gestein ab, bislang mir unbekannt.

Nicht unbekannt, aber selten zu sehen: ein Zirkumhorizontalbogen.

Pure Zufriedenheit über die letzten Tage durchströmt mich, sie zählen zu den schönsten der Tour. Ich bin hin und weg.
Auch der Anblick von Juf, dem höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Dorf Europas finde ich schön. Mit dem Ausblick erleichtere ich meinen Rucksack und fülle meinen Magen und steige weiter ab. Ab Juf geht es auf einer alten, stillgelegten und restaurierten Straße bis Innerferrera. Wunderschöne Wege, faszinierende Brücken, schöner Fluss… sehr kurzweilig und überraschend schön.

Gut so, denn in Juf habe ich bereits mehr als 20km und ich möchte aber so weit kommen wie möglich um morgen ohne Gewitter über den Pass nach Italien zu kommen. Also geb ich bisschen Gas, jogge sogar manche kurze Passagen bergab und genieße es dennoch. Die challenge ist, den Bus um 17:31 in Innerferrera zu erwischen, ansonsten muss ich 2 Stunden auf den nächsten warten um wieder retour Richtung Juf zu meiner Unterkunft zu kommen. Ich passiere also meine Unterkunft und marschiere dennoch weiter. So kleine Herausforderungen mag ich. Und tatsächlich, die 15km verfliegen wie nichts. Kurz überlege ich wild zu zelten direkt am Weg, aber 1.) scheint es eine Gassizone zu sein, 2.) sind mir die Fahrspuren zu frisch und 3.) sehe ich ein Schild auf dem explizit steht, dass campieren verboten ist. So warte ich ab 17 Uhr, ziemlich ko, auf den Postbus wieder retour, denn in Prüt gibt es eine Unterkunft für 30Franken mit Frühstück. 22ohne, aber bei selbstgemachten Brot hab ich ja zum Frühstück gesagt. Schlafen im Heu wäre angesagt, aber mir ist es zu trocken, es staubt mich sofort ein, also zieh ich aufs Sofa und checke noch einmal das Wetter für morgen. Der Vormittag sollte doch ohne Gewitter sein, der Passüberquerung steht also nichts im Wege. Die ganze Überlegerei und Hochrechnerei auf der Strecke Juf- Innerferrera umsonst ( doch in Innerferrera schlafen um früher starten zu können; der Bus von Prüt fährt erst um 6:43; in Innerferrera könnte ich ohne Frühstück um 6, oder früher schon los;  aber es ist teurer; vielleicht schaff ich den Pass doch unter 2:30 Stunden, dann würde 7 reichen; oder einen Pausentag, es sieht wettertechnisch nicht gut aus;…)

51.Tag 21,7km 914hm 5:15h
Ich bin wieder viel zu spät schlafen gegangen. Meine Müdigkeit übermannt  mich fast als ich um 6:42 auf den Bus warte. In Innerferrera steige ich aus und mache dort weiter, wo ich gestern aufgehört habe. Zuerst geht es eine Fortstraße knackig nach oben, bevor es in ein Hochebenental (gibt es so etwas?) geht. Unendlich viele Wasserfälle säumen die Berghänge links und rechts von mir. Der Weg wird immer schmäler und zieht sich immer weiter rauf Richtung Sattel.

Trotz tiefer Wolken eine wunderschöne Stimmung. Mir gefällt es. Oben am Sattel, hallo Italien, ist es dann aber schon ziemlich dunkel und das Refugio direkt beim See lasse ich links liegen. Es donnert bereits. Noch sehe ich die Traverse die ich nehmen muss. 30 Sekunden später verschlingt sie und dadurch auch mich, eine Wolke.

Die Sicht ist aber ausreichend. Bald beginnt der Abstieg zum Stausee und ich kann nicht anders als zu denken ich wäre in Armenien. Ist es die düstere Stimmung aufgrund der Wolken, oder warum wirkt diese Siedlung mit den uralten Stromleitungen auf mich nicht wie ein Siedlung in Italien?


Beim Staudamm begebe ich mich auf einen historischen Weg, der mich durch eine beeindruckende Schlucht immer weiter hinunter führt.

Durch ein kleines schmuckes Dorf hindurch, das mich total verwirrt.

Ein Schild in deutscher Sprache und offizielle schweizer Wegweiser? Ich bin doch vorhin beim Pass wieder nach Italien rein, oder etwa nicht? Zu allem Überfluss hängen dann auch noch beide Fahnen bei einem Haus, jetzt kenn ich mich bald wirklich nicht mehr aus. Kurz darauf erreiche ich Isola, um 12:30 und beziehe mein Zimmer in dem äußerst simplen, aber lieben Hotel Locanda Cardinello. Wie vorhergesagt gibt es am Nachmittag mehrere Gewitter und Starkregen. Ich schlafe viel, höre Podcast, stopfe mich voll mit Süßem und Chips (im Hotel gekauft), Kaffee und Kuchen, telefoniere und weil es so eine liebe Unterkunft ist, gehe ich essen statt mein eigenes Essen zu kochen. Alle Gäste werden zum Aperitif in einen Keller aus dem 17.Jahrhundert geführt.

Das Essen ist köstlich, die Gesellschaft angenehm, die Räumlichkeiten haben Charme,…ich fühle mich wohl und merke, dass der halbe Tag „Pause“ mir gut tut.

52.Tag 32.4km, 1271hm, 8:35h
Ich habe geschlafen wie ein Stein. Nach dem Frühstück geht’s gleich steil bergauf. Heute soll maximal ein kurzer Regenschauer drin sein, aber keine Gewitter. Gut so, denn ich bin heute eher langsam unterwegs. Ich mache mich wieder auf den Weg in die Schweiz. Rauf, rauf, immer weiter rauf führt mich mein Weg, Schritt für Schritt einfach weitergehen. Mein Kopf ist heute ziemlich leer, ich starre einfach nur die Landschaft an, die Zeit zieht an mir vorbei. Nicht ungut das Gefühl. Nach einem Waldstück geht es durch ein altes Bergdorf, weiter nach oben Richtung Pass.

Ab dem 1.Pass hört die Markierung auf und ich orientiere mich nach Intuition und hie und da ersichtlichen Steinmännchen. Aufs Handy schauen möchte ich nicht, ich versuche es einfach so. Überwiegend ist der Pfad als solches erkennbar, aber nicht immer. Macht Spaß und funktioniert. Wunderschön hier heroben, wenn auch wieder etwas sumpfig. Ab der Schweizer Grenze gibt es wieder eine Markierung und es geht ab dem 2.Pass steil bergab. Aufgrund des Terrain komme ich nur langsam voran, aber noch macht es mir nichts aus, viel zu schön hier.

Hie und da braucht es die Hände um größere Steinstufen hinunter zu kommen. Dazwischen kurze Ebenen und schöne Flusslandschaft. Plötzlich seh ich das Tal und mir wird klar, dass erst jetzt der wirklich steile Abschnitt folgt. Und wie steil er ist.

Gefühlt geh ich auf allen Vieren hinunter, weil ich mich so stark und ständig auf meine Stöcke stütze. Es wird mühsam und anstrengend. Hinzu kommen Wiesen die feucht und hüfthoch sind, ich sehe mal wieder nicht wo ich hinsteige und manchmal auch nicht wo der Weg weitergeht. In diesem steilen Gelände kein Spaß. 1:15 Stunden lang schleiche ich das steilste Stück hinunter. Meine Knie tun weh. Rückblickend mit Sicherheit der steilste Abstieg bisher auf der Tour.
Es geht an der Autobahn kurz entlang, durch Dörfer durch und eine Wegsperrung ignoriere ich einfach.

So komme ich um 15:15 im Mesocco an und trinke zwei Cappuccino. Um je 3.50 Franken. Meine Beine erholen sich etwas und ich entscheide noch weiter zu gehen. Die nächsten Km folgen einer alten Bahntrasse, oft in der Nähe eines Flusses.

Perfekt zu gehen nach so einem Abstieg. Aber wo ich schlafen werde weiß ich noch nicht so recht, denn Tal und stark besiedelt sind Wörter die sich mit wildzelten eher nicht vereinbaren lassen und Schweiz lässt sich oftmals mit dem Geldbeutel nicht vereinbaren (wobei ich bis jetzt enormes Glück hatte und sehr günstig geschlafen habe). In Lostallo führt der Weg an einer Kirche vorbei. Dahinter Grasterassen. So nahe bzw fast direkt im Dorf wildcampe ich eigentlich nicht gerne, aber ich lasse es darauf ankommen. Als selbst nach 2 Stunden und bereits zu Beginn der Dämmerung niemand vorbeigekommen ist baue ich mein Zelt auf, sitze draussen bis es nahezu ganz dunkel ist und gehe dann schlafen.

53.Tag 47km 268hm 9:00h
In der Früh donnert es in der Ferne und der Himmel verfärbt sich. Das Regenradar zeigt an, dass am Lago Maggiore gerade die Post abgeht. Ich packe im trockenen zusammen und marschiere um 6:30 los. An den Weg stelle ich heute keine Erwartungen, jede positive Überraschung ist willkommen. Hauptsache ich bekomme in der ersten kleineren Stadt einen Kaffee. Die Überraschungen kommen tatsächlich, nur der Kaffee leider nicht. Schon über zwei Stunden unterwegs, na gut, dann halt noch mal 11 km bis zur nächsten Stadt. Im Internet recherchiere ich ein nettes Kaffee das auch offen hat. Am Weg wieder die ein, oder andere schöne Passage, durchaus sehr abwechslungsreich. Regenschauer inklusive.

Überraschend komme ich an einem Ausflugslokal vorbei, es ist 10:05, um 10:00 sperrt er auf, ich habe Glück und bekomme früher als gedacht meinen Kaffee. Wie gestern auch schon, für sage und schreibe 3.50 Franken! Der Weg bis nach Bellinzona, zum eigentlichen Kaffee, zieht sich dann. Meine Pausenabstände werden immer kleiner. Kein gutes Zeichen. Dafür bleibe ich dann, als ich es erreicht habe, gleich auf 2 Kaffees. Ich habe mir dennoch vorgenommen noch ein bisschen zu gehen und checke die 2 Campingplätze in rund 10km ab. Beide haben noch Plätze, ich wähle den mit dem Swimmingpool ( obwohl ich keinen Bikini habe) und Aufenthaltsraum.
Ewig gerade, gerade, gerade geht es dahin. Jetzt wird es wirklich unspannend.

Der offizielle Weg führt oft am Damm entlang, suche ich mir, wenn möglich, sonnengeschütztere Wege etwas daneben. Beim Campingplatz angekommen sagt der Tacho 34km. Es ist 14:30. Wozu schon aufhören? Was du heute kannst besorgen, dass… Ich rufe im Youth Hostel in Locarno an, da wollte ich eigentlich morgen Vormittag eintreffen,  vor den Gewittern zu Mittag. Sie haben heute und morgen Platz, na gut Sabrina dann heißt’s jetzt durchziehen….nochmal 14km. Alles in der Ebene, alles in der schwülen Hitze, alles auf Asphalt. MammutmarschMusik in die Ohren und irgendwas in meinem Kopf schaltet um. Ich strahle über beide Ohren, fühle mich so gut wie den ganzen Tag nicht, lege eine Durchschnittsgeschwindigkeit vom 5,5km/h ein und fliege, tlw meine Stöcke als LuftSchlagzeug zweckentfremdend, singend dahin.

Ich würde wirklich gerne wissen was da in meinem Hirn abgeht, dass da wie ein Schalter kippt und ich einfach marschiere als wäre ich gerade aufgestanden und nicht als hätte ich eh bereits 34km gemacht. Egal, ich genieße den Zustand und überlege mir ernsthaft mich nächstes Jahr für den Burgenland extrem anzumelden, denn offenbar liegt mir marschieren.
Irgendwann heißt es bei mir nicht Land in Sicht, sondern See in Sicht. An der Promenade entlang werde ich mit meinen Stöcken (nein jetzt nicht mehr singend) und Rucksack tlw komisch angeschaut, aber egal. Ich finde eine Stelle an der kaum Menschen sind und kann nicht anders, ich muss einfach rein. Erfrischung ist es leider keine, ein tolles Gefühl dennoch. (Screenshot von einem Video, daher so klein)

Ich bin doch tatsächlich zu Fuß zum Lago Maggiore gegangen. Auf den verbleibenden 4km zum Hostel hole ich mir noch zur Feier ein Eis und checke zufrieden in mein Zimmer ein. Ein DoppelMehrbettzimmer, das ich zum Glück für mich alleine habe.
Und dann überkommt mich plötzlich ein Gefühl von allein sein. Am Berg wo niemand ist, fühle ich mich nie alleine. Städtereisen alleine machen mir eigentlich auch nichts aus. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich gefühlt in eine Sackgasse gewandert bin, eigentlich gar nicht her wollte und dieses mal wirklich nicht weiß wie ich weitergehen soll. Das erneute recherchieren und nicht schon früher recherchiert zu haben überfordert, ärgert und frustriert mich. Und dann sind da so viele Menschen um mich mit denen ich aber nichts zu tun habe. Doch blöd, dass niemand mehr in mein Zimmer kommt. Nach einer Dusche raffe ich mich aber auf, gehe wieder 1,5 km zum See zurück, gönne mir etwas zu Essen und setze mich telefonierend ans Ufer.

Hilft ein wenig und verkürzt vor allem danach den Weg retour.

54.Tag Pausentag
Um 7Uhr geht unerwartet die Welt draussen unter, ich bin heil froh doch nicht im Zelt zu liegen. Auch, dass es den gesamten Vormittag über regnet und ich am Telefon hängen kann wegen meinem weiteren Weg finde ich 1000mal besser, als die 14km vom Camping Platz in die Stadt jetzt noch gehen zu müssen. Dennoch kostet es enorm viel Zeit und Nerven. Ich höre einen Podcast, telefoniere innerhalb von 24 Stunden knappe 6 Stunden in die Heimat, gehe auf einen Kaffee, höre auf zu zählen wieviele heftige Regenschauer eintreffen, schlafe eine Runde (gefühlt habe ich ein chronisches Schlafdefizit), kaufe mir ein viel zu opulentes Abendessen ein und komme abends mal wieder erst weit nach Mitternacht zur Ruhe. Meine mentalen Batterien laden sich kaum noch auf, bzw kommen sie schneller an ihre Grenzen als mir manchmal lieb ist. Damit ist nicht die Freude und Neugierde an den Bergen gemeint, oder das Gehen und „durchhalten“ (als solches sehe ich es nicht), sondern einzig und allein Wetter und Logistik gemeint.