Locarno – Oropa 195,2 km 11.684hm
25.7.- 1.8.2023
Gesamt bis Oropa 1453,1km 65.361hm
57 Wandertage
5 Pausentage
Durchhalten lohnt sich ;-), anfangs viel Text und wenig Fotos, wird im laufe des Blogs wieder bilderreich.
55.Tag 34km 1480hm 8:25h
Um punkt 7:30 bin ich beim Frühstück und ziehe danach von dannen. Ich habe mich entschieden dem Via del Mercato zu folgen, wie eine der beiden Wien-Nizza Wanderinen deren Blog ich gefunden habe. Gestern noch habe ich mit ihr geschrieben und sie hat mir dringends davon abgeraten den Weg zu gehen. Obwohl sie auch eine „connecting-footsteps“ Beführworterin ist (alles selbst zu gehen, keine Seilbahnen, Busse zur Überbrückung,…) rät sie mir dazu, lieber den Zug zu nehmen. Es war der 2. schlimmste Teil ihrer gesamten Reise. Allerdings habe ich kaum Alternativen. Es würde noch einen Höhenweg von Simon geben, 4-5 Tage ohne Hütte, das ist mir in diesem Gewittersommer definitiv zu riskant. Um den See herum in den Süden komme ich nicht ohne km weit auf der Küstenstraße zu gehen (dort würde es eine Verbindung zum GTA geben). Google Street view hat mir genug gezeigt, dass ich weiß, dass das lebensmüde wäre bei dem Fahrstil hier. Also, was bleibt mir anderes übrig?
Ich weiß worauf ich mich einlasse, habe aber über 100 Ecken den Kontakt zu dem zuständigen Wanderwegbeauftragten bekommen und mit ihm geschrieben. Er meinte alles kein Problem. Mal schauen ob sich in 2 Jahren soviel getan hat, dass aus der Horrorwanderung von Christiane, eine „alles bestens“ Wanderung wird. In 2 Tagen hoffe ich in Domodossola zu sein, von dort kann ich auf den Fernwanderweg „GTA“. Der 2.Tag soll der schlimme werden, also kann ich heute einigermaßen beruhigt starten.
Es geht anfangs noch gut eine Stunde schön am Fluss entlang. Danach folge ich der Via del mercato. Ein alter Marktweg, der Italien und die Schweiz verbindet. Er führt mich den gesamten Tag durch diverse Wälder, manchmal auf erkennbaren alten Pfaden, manchmal über klassische Wanderwege, oft hindurch durch süße kleine Bergdörfer die allesamt so schmale Gassen haben, dass die Häuser fast ausschließlich zu Fuß zu erreichen sind.



Vor der Grenze kehre ich im letzten Dorf noch einmal in der Schweiz auf einen Cappuccino ein und stelle traurig fest, dass ich was verloren habe. In den ersten 2 Wochen habe ich öfters panisch geglaubt etwas verloren zu haben, nur um es dann doch irgendwo im Rucksack zu finden, wo es eigentlich nicht hingehört. Wenn man minimalistisch unterwegs ist, dann ist jedes Teil wichtig. In diesem Fall handelt es sich aber um kleine, selbstgemachte Aufmunterer die ich zum Abschied geschenkt bekommen habe und stets in meiner Geldbörse hatte, somit kommt noch der sentimentale Wert dazu. Geknickt überschreite ich also die Grenze

(selbst mir fällt der Schreibfehler auf) und versuche mich von meiner Umgebung ablenken zu lassen. Spätestens der Anblick von der Wallfahrtskirche in Re lässt mich wieder im hier und jetzt sein, was für ein Palast.

Beeindruckend und verstörend zugleich, waren doch alle Dörfer bis jetzt so lieblich und klein und dann so ein großer Bau. Ich kehre auf einen 1.10 Euro Espresso an einer Bar ein und gehe weiter.
In Italien verursuchen die Weidezäune bei mir diverese Zustände: Unverständniss, Kopfschütteln, Augen verdrehen, genervt sein. Viel zu oft bin ich auf Zäune gestoßen die über den Wanderweg gehen, aber keine Vorrichtung zum Öffnen haben. Also heißt es unten durch, oder wenn es Steine gibt irgendwie oben drüber, was selten gut geht.

Es ist 16Uhr und ich halte Ausschau nach einem Zeltplatz, denn vor mir liegt eine Anneinderreihung von Dörfern und darüber hinaus möchte ich nicht mehr, der Tag war lange genug. Eine vermeintliche Stelle finde ich, stelle meinen Rucksack ab und kraxel über große Steine hinauf, nur um oben skeptisch die kleine Fläche zu begutachten. Mh, bin mir nicht sicher. Wieder runter zum Wanderweg. Wasser checken. Naja, könnte sich gerade so ausgehen, selbst schuld. Ich schultere meinen Rucksack und kraxel wieder nach oben. Auf meiner Zeltunterlage folgt das Probeliegen. Mh, glaub es ist doch schief. Normalerweise empfinde ich alles beim Probeliegen als gerade, nur um regelmäßig in der Nacht im Zelt festzustellen, dass es doch schief ist und ich ständig rutsche. So ganz möchte ich es aber nicht glauben, also baue ich mein Zelt rasch auf. Hineinlegen, immer noch nicht überzeugt. Ich blase meine Isomatte auf, lege sie und mich ins Zelt. Nö, schief. Ich hole meinen Rucksack, packe ihn ins Zelt als Rutschstopper. Nö, hilft dieses mal auch nichts, zu schief. Noch einmal lege ich mich Probe, aber nein, so wird das nichts mir Schlaf. Also alles wieder schnell zusammenpacken und weiter. Als ich mir später das Foto anschaue muss ich schon über mich lachen, in echt hat es nicht so offensichtlich schief gewirkt.

Man kann nicht behaupten ich hätte es nicht versucht. Keine 600 Meter später bin ich Malesco und sichere mir ein günstiges Zimmer ohne Frühstück. Das Dorf ist total entzückend,

ich stelle meinen Rucksack ins Zimmer und ziehe noch in Wanderklamotten zum Supermarkt. Der befindet sich dann zu meiner Überraschung auf einem etwas größeren Platz mit vielen Menschen, huch, wo sind die schmalen, leeren Gassen hin? Bisschen unangenehm ist es mir dann doch mich nicht umgezogen zu haben, aber spätestens als ich die Gelateria entdecke ist es mir bereits wieder egal. Eis und danach Marillen und Zuckergetränk im Supermarkt erworben, schlendere ich noch durch die Gassen bevor ich in den Recherchen zum GTA und Alternativen verschwinde und mal wieder telefoniere.
57.Tag 22.4km 415hm 4:45h
Keine Ahnung was los ist, aber irgendwie ist gerade nicht meine Zeit. Ich genieße das Wandern, die Eindrücke, die Landschaft. Zum Wandern muss ich mich nicht motivieren, aufstehen, losgehen, kein Problem. Ich komme auch nicht an meine körperlichen Grenzen. Aber kaum geht es in Recherchen und den Gedanken an Wetter und wie es weitergeht, schmeiss ich fast die Nerven. Ich wollte mir für heute eine Unterkunft in Villadossola sichern, ausgebucht. Also muss ich früher in Domodossola aufhören. Das sind die letzten Städte vor der GTA, ich muss shoppen und wildzelten kann man in dem überbevölkertem Tal eh nicht.
Ich mag nicht mehr. Ich hab keine Lust mehr auf telefonieren und nichts verstehen und nicht verstanden zu werden (für die Radreise nach Asien hab ich für die Stan-Länder russisch gelernt. Warum bitte bin ich nicht auf die Idee gekommen italienisch zu lernen für diese Tour!?). Ich habe keine Lust mehr auf Routen anpassen. Ich hab keine Lust mehr auf früh aufstehen und dem Gewittern davon rennen. Ich habe keine Lust mehr dann Pausen- und Halbetage zu machen wenn das Wetter es mir diktiert. Ich kann vieles auf mich zukommen lassen und schauen wie weit ich am Tag komme (wenn das Wetter es zulässt) und dennoch habe ich gerne ein backup im Kopf was mögliche Etappen betrifft, aber das kostet Zeit und Nerven. Ich möchte einfach nur wandern. Im 1.Bergdorf kehre ich auf Espressos und Croissants ein und mir stehen die Tränen bis zum Anschlag. Blöde Hormone kommen auch noch dazu. Ich teile mein Selbstmitleid mit Cäcilia per WhatsApp und sie ruft mich umgehend an. Sie hat eine Woche live mitbekommen was alles hinter den schönen Bildern und Eindrücken noch steht. Sie versteht mich und nimmt mir die Gedanken über „war ich zu naiv, bin ich nicht stark genug, warum kann ich nicht so entspannt sein wie andere wirken, …“ ein wenig ab. Durchatmen, vollkommen okay und nachvollziehbar mein down. Darüber zu Reden hilft manchmal schon.
Gestärkt gehe ich weiter und komme kurz darauf an dem besagten Horrorabschnitt. Vor 2 Jahren war alles hüfthoch zugewuchert, inklusive Brombeersträucher mit ihren Stacheln. Heute führt tatsächlich ein normaler Weg hier entlang, ich atme durch. Mein Glück währt aber nur 20 Minuten, dann stehe auch ich in wegelosem, unmarkierten Gestrüpp mit Brombeeren. Na toll. Irgendwie muss ich runter zur Straße, das weiß ich.

Meinen GPX Track und den Wanderofflinekarten zu folgen macht keinen Sinn, den Weg gibt es nicht. Ich versuche verschiedene vermeintliche Möglichkeiten nur um wieder vor einer Gestrüppwand zu stehen. Tlw rutsche ich Hänge hinunter und komme sie kaum noch hoch. Die Brombeerenstacheln verfangen sind in meinen Haaren, am Rucksack und zerkratzen mir die Oberschenkeln. Haare und Oberschenkeln nehme ich stoisch zur Kenntnis, nur um den Rucksack mache ich mir sorgen. Ich gehe wieder ein Stück retour und versuche es über den Fluss. Tatsächlich finde ich auf der anderen Seite einen schmalen Pfad der mich zur Straße bringt. Schnell überqueren und ich bin wieder am Wanderweg. Also „alles bestens“ kann ich definitiv nicht unterschreiben – der gute Herr wird von mir lesen. Der restliche Weg ist dann umso einfacher,


ich habe allerdings keine Lust mehr einen Umweg auf dem Weg zu machen und steige direkt nach Domodossola ab. Zimmer beziehen, zum Chinesen günstig und viel essen gehen, in einem netten Kaffee am wirklich wunderschönen Marktplatz 3 Cappuccino trinken,

Postkarte schreiben, Tagebuch, Blog fertig machen, einkaufen gehen, essen portionieren, Abendessen kochen,…schwupps ist es 20 Uhr. Ich habe über den GTA nicht so viel positives gelesen und suche seit längerem eine Möglichkeit zum GR5 in Frankreich zu wechseln, aber ich finde keine bzw erst sehr weit unten. Kaum habe ich mich damit abgefunden, beginne ich wieder zu recherchieren. Anstrengend. Ich telefoniere wieder 2 Stunden in die Heimat und schlafe erneut erst nach Mitternacht ein.
57.Tag 16km 1442hm 4:50h
Mein vieles telefonieren sagt mir eines: ich brauche Austausch, Interaktion. Deshalb habe ich beschlossen mir einen angenehmen Start auf der GTA zu machen und trotz schönem Wetter es kurz zu halten um auf einer Hütte zu übernachten. Ich hoffe sehr dort andere Wanderer zu treffen und eine schöne Zeit zu haben.
Ab sofort geht es nach Süden, Schluss mit nach Westen wandern. Ich steuere quasi direkt aufs Meer zu. Also mehr, oder weniger direkt.
Neben meiner Unterkunft gehe ich auf einen Kaffee bevor ich die Strecke nach Villadossola zurücklege. Dort noch einmal einen Cappuccino und dann geht es hinauf. 1400hm warten auf mich. Steil und stickig durch den Wald. Ich sehe 1000 Eidechsen, eine Schlange und Wildschweinferkeln. Kurz gibt es schöne Aus- und Rückblicke, verfallene Almen, ansonsten ist der Wald und seine Vielfallt die einzige Abwechslung.



Sobald ich unterwegs bin geht es mir besser. Ganz kann ich die Kriese von gestern nicht mehr nachvollziehen, aber sie war so und so ist es.
Kurz vor der Hütte ist ein anderes Refugio-es ist zu. Ich nütze die Bänke für mein Mittagessen

und gehe danach die verbleibenden Km bis zu meinem Refugio alpe della Colma. Ich bin am frühen Nachmittag schon da, aber mein Plan geht auf-Wanderer zum Plaudern. Interessant ist auch das Gespräch mit einer jungen Frau die ich schon am Weg her angesprochen habe, weil sie mit 2 Fangnetzen unterwegs war. Sie untersucht Heuschrecken und Schmetterlinge in diesem Park. Daher weiß ich jetzt, dass die heute auf mir gelandeten Schmetterlinge folgende sind:
Melanargia galatea

Erebia

Wenn niemand da ist, sitze ich in der Sonne und genieße den Ausblick. Im Windschatten des Hauses. Abseits davon ist es ab 17Uhr so frisch, dass ich etwas langes überziehen muss.


Ich würde gerne lesen, aber sämtliche elektronischen Geräte (Handy, Smartwatch, EBook Reader,…) sind verboten. Selbst im Flugmodus. Beide Hüttenbestzer sind senibel gegenüber elektrischen Strahlen. (In der Hütte müssen wir alles in ein spezielles Tuch wickeln).
Das Essen ist gut (selbstgemachte Nudeln), aber sehr wenig. 3 von 6 Gästen bestellen noch Nachspeise, ich bin selbsterklärend eine davon.
58. Tag 19.9km 1600hm 5:35h
Unsere Wirtin verschläft, statt um 7:30 steht Brot, Marmelade und Kaffee um 7:55 am Tisch. Für den Abstieg brauche ich knappe 1 1/2 Stunden. An verfallenen und noch genutzten Alpen vorbei, durch schmale Gassen im Dorf hindurch.

Unten geht’s über den Fluss und hinauf.

Wenn man die Markierung sieht. Ich bin so in den Fluss vertieft, dass es mir erst nach rund 5 Minuten schleierhaft vorkommt, dass es so lange eben dahin geht. Retour und rauf. Steil, sehr steil, steil. Was anderes gibt es nicht für die nächsten 900hm. Ich schwitze, aber ich möchte es bis zum ersten Bivacco eigentlich ohne größere Pause schaffen. Manchmal gibt es was zu sehen, aber eher selten. Wald ist die große Überschrift für den Anstieg.



Ab der Alpe Camino wird es stellenweise wieder weniger steil, bevor es über den nicht merkbaren Pass geht und runter zum Biwak.

Dort hole ich Mutter und Sohn ein, die heute Früh im Tal gestartet sind. Der Sohn freut sich als ich ihm seine Sonnenbrille, die ich am Anfang vom Aufstieg gefunden habe, wiedergeben. Beide waren gestern Nachmittag auf der Hütte und ich war mir ziemlich sicher, dass es seine ist und dachte mir irgendwann die Tage werde ich sie schon einholen. So schnell kanns gehen. Sie machen Pause, ich geh weiter. Regen ist angesagt und ich möchte über den nächsten Pass noch. Der Weg wird unwegsamer und unzählige Heidelbeersträucher stoppen mich – die Früchte sind reif. Die Landschaft ist schön, endlich gibt es wieder viel zu sehen.


Nur der Fernblick aufs Monte Rosa massiv bleibt mir verwehrt. Der Abstieg ist steil, rutschig und bisschen verwachsen, aber bald sehe ich das nächste Biwak.


Ich bin die gesamte Strecke ohne Pause durchgegangen, umso mehr freue ich mich, dass es noch Reste von Kaffee im Versorungsschrank gibt.


Ich wasche schnell mein T-shirt, weil pitschnass ist es so und so schon und koche mir Kaffee. Ich könnte es locker noch bis zum nächsten Ort schaffen, aber morgen soll es regnen ab Mittag, da werde ich dann eh wieder eine Unterkunft anpeilen. So verbringe ich lieber den Nachmittag hier am Berg als im Dorf, koche mir Tee, beobachte das kommen und gehen von dunkeln Wolken,

und plaudere noch einmal kurz mit Mutter und Sohn als sie später das Biwak passieren. Um 17:30 kommen dann doch noch 2 andere Wanderer die im Biwak bleiben. Naja, obwohl ich Kontakt suche hätte ich hier heroben gerne meine Ruhe gehabt. Sind aber eh zwei Nette. Wir trinken endlos Tee und feuern sogar den Ofen an. Wie gestern auch schon fällt mir auf, dass es überraschend kalt ist, obwohl ich mich nur auf 1700 befinde. Irgendwo ausharren bis es dunkel genug ist um das Zelt aufzustellen, würde ich jetzt gerade nicht wollen.
59. Tag 26.1km 1920hm rauf 2080hm runter 7:30h
Zuerst war mir saukalt, irgendwann in der Nacht heiß. Geschlafen habe ich trotzdem gut. Um 5:45 weckt mich die Helligkeit durch das einzige Minifenster in der Türe. Ich spähe aus meinen Bett hinaus – schöner Sonnenaufgang, aber nicht spektakulär genug, dass er mich aus dem Bett holt. Ich gebe mir lieber noch die 30 Minuten Schlaf bis der Wecker klingelt. Ich mache mich fertig und habe beim Zähneputzen immer noch einen tollen Sonnenaufgang. Alles ist ruhig, eine tolle Stimmung.


Los geht’s erstmal durch nasses Gras und dank blendender Sonne halb blind den Hang entlang.

Adios trockene Füße – ja Papa ich höre dich in solchen Momenten immer „…aber wennst durch nasse Wiesen musst in der Früh wärst du dankbar wenn du Goretx hättest.“
Am Weg hinauf zum ersten Pass habe ich einen unerwarteten Blick auf die Berge die gestern in Wolken waren. Einzig der Pass von gestern versperrt mir ein wenig die Sicht, aber ich bin mehr als nur happy.

Kurz darauf verschwindet sie aber alle im Dunst und Wolken. Erster Pass erreicht, es geht in eine kleine Senke hinunter und ich sehe schon den 2.Pass auf der anderen Seite.

Dazwischen eine Schafsherde mit 3 Hunden die 15 Minuten lang durchbellen und als ich nah genug bin, knurren. Ich mache trotz Zaun einen Bogen rundherum, einer der Hunde ist nämlich außerhalb. Am Weg hinauf zum 2.Pass verschwinde auch ich im Nebel, am Weg runter dann, der See vor mir.


Ich finde diese Wolkenspiele ganz schön. Den weiteren Abstieg nach Campello Monti nicht. Das rundherum ist eh schön, aber es geht mal wieder endlos am Stück bergab.



Campello Monti lasse ich links liegen, obwohl ich Wasser bräuchte, aber ich sehe einen anderen Wanderer. Je näher ich komme, kann ich meinen Augen nicht trauen. Martin aus dem Vintschgautal. Wir waren kurz im Austausch miteinander, er dachte erst später auf die GTA zu stoßen ( er ist ab dem Stilfserjoch eine andere Route gegangen). 100km Asphalt auf tlw. Bundesstraßen liegen hinter ihm, die letzten Tage haben auch seine Nerven ordentlich strapaziert. Wir plaudern noch ein wenig und gehen getrennt weiter.

Am Aufstieg zum Pass 3 sehe ich Mutter und Sohn von gestern und hole sie kurz davor ein. Wir gehen gemeinsam nach Rimella hinunter und unterhalten uns bestens.




Eigentlich wollte ich in Rimella bleiben, es ist Regen vorhergesagt. Aber es ist erst 12 Uhr. Ich habe zwar bereits 1 3/4 Etappen aus dem Wanderführer hinter mir, aber möchte dennoch weitergehen. Ein Anruf, hin- und hergeworfene Brocken italienisch später habe ich ein Bett im übernächsten Refugio.
Der Dorfladen sperrt für uns auf und obwohl ich alles mithabe, kann ich bei „richtigen“ Käse (im Gegensatz zu meinem Schmelzkäse), Tomate und 2 Brötchen für 2.30 Euro nicht nein sagen.

Ich esse alles direkt, schieb noch was Süßes hinterher und starte alleine weiter um möglichst wenig Regen abzubekommen.
Es geht zügig bergauf zum Pass Nummer 4, wieder runter ins nächste Tal und hindurch durch die stets in Hanglage gebauten Dörfer.

Kurz einer nicht befahrenen Straße entlang nehme ich Schwung für den finalen Aufstieg. Ein schöner Weg am Fluss entlang bahnt sich seinen Weg mit einer dankbar sanften Steigung nach oben.


Trotzdem schwitze ich extremst, die Luftfeuchtigkeit ist enorm, kein Wind. Bremsen belagern mich, aber trotz des langen Tages fühle ich mich gut. 2 Regenschauer erwischen mich und 300 Meter vor dem Refugio starker Regen.
2 3/4 Etappen aus dem Wanderführer an einem Tag, nicht schlecht.
Es ist 15Uhr, ich hüpfe sofort unter die Dusche, dass meine durch und durch verschwitzen Sachen eine Chance haben zu trocknen. Kaffee und plaudern, so geht die Zeit flott rum. Bis 17Uhr haben es dann auch die anderen zur Hütte geschafft. Es regnet immer wieder heftig.
Bis jetzt gefällt mir die GTA mit ihren grünen, extrem stark abfallenden, kantigen, stark gefaltenen Bergen und tiefen Täler überraschend gut. Ich kümmere mich nur noch wenig ob ich zelten kann, oder nicht, eine Tatsache die ich schon länger akzeptiert habe.
Das Essen im Refugio ist üppig und köstlich. Die alte Hüttenfrau ist eine entzückende Dame die mit vollem Körpereinsatz redet um uns nicht italienisch sprechenden Gästen klar zu machen, was sie von Veganer hält.
Eine gesellige Runde von 7 Leuten sind wir. Abends spielen wir dann noch Karten und ich tausche mich mit Petra (die immer wieder getroffene Mutter) über Aktivurlaube aus, während es draussen donnert, blitzt und wie aus Kübeln regnet. Im Bett liegend fühle ich mich wie zu Hause, so stark hört man den Regen aufs Dach prasseln. Schön!
60.Tag 20,4km 1665hm rauf, 1840hm runter 7:30h
Petra verabschiedet sich in der Früh überraschend mit einer Umarmung von mir. Gott tut diese unerwartete Herzlichkeit gut. Ich starte mit Martin los, wir möchten heute beide zwei Etappen zusammenlegen, die anderen haben nur eine vor.
Wunderschön an einem Wasserfall hoch, geht es hinauf zum 1.Pass für heute.

Eine traumhafte Landschaft, ich bin hin und weg von der Art und Weise der Berge hier. Plötzlich schießt es mir ein….mein Knirps. Ich habe meinen Knirps beim Refugio vergessen. Runter und wieder rauf würden mich eine Stunde und viele HM kosten. Ich versuche beim Refugio anzurufen in der Hoffnung, dass die anderen noch da sind, aber ich habe keinen Empfang. So ärgerlich, ich habe mich gestern erst wieder an ihm erfreut weil er so praktisch ist bei der Hitze wenn es regnet.
Aber wie so oft lenkt mich die Landschaft sofort wieder ab.



Der erste Pass ist geschafft und wir sehen bereits den 2. für heute. Aber zuerst müssen wir wieder ganz runter ins Tal. 940hm wieder hinunter um 990hm auf der anderen Seite wieder rauf zu gehen. Typisch GTA halt, hier sind die Täler Ost- West ausgeprägt und die GTA geht Nord-Süd, also nimmt man jedes Tal mit und bewegt sich Luftlinie nur langsam voran.


Anfangs noch schön, zieht sich der Abstieg. Bei einem Refugio hole ich mir einen Espresso während Martin weiter absteigt. Es ist Sonntag und mir kommen immer mehr Italiener entgegen. Kurz vor Carcoforo hole ich Martin wieder ein, wir schlendern durch das Dorf inklusive Krimskramsmarkt und gehen sofort weiter zum 2.Pass.


Martin tickt ähnlich wie ich: er geht auch gerne ohne größere Pausen durch. Serpentine für Serpentine geht es nach oben. Ich glaube ich bin noch nie so viele Serpentinen gegangen. Ich finde die Landschaft weiterhin toll und kann nicht so ganz nachvollziehen warum so manche die GTA langweilig finden (aber vielleicht kommt das ja noch). Ich werfe mir hi und da Nüsse rein, es ist bereits nach 12 Uhr, aber im Aufstieg möchte ich nicht Mittagessen. Je höher wir kommen, desto spektakulärer finde ich den Berghang.


Der Rückblick runter auf das Dorf und den anderen Pass von heute Früh ist auch genial.

Martin strengt sich schon ordentlich an auf den letzten 150HM, ich persönlich finde sein kontinuierliches Tempo super. Oben am Pass dann die Überraschung: Blick auf gletscherbehangene Bergspitzen des Monte Rosa Massiv.

Aber auch die Berge in unmittelbarer Nähe sind toll. Zum Greifen nahe der nächste Berghang, dazwischen ein schmales Tal. Ja genau, das Dorf im Tal zu dem müssen wir und am Berghang gegenüber sehen wir den nächsten Aufstieg.

So sitzen wir oben, ich esse mein Mittagessen und wir genießen den Ausblick. Hinunter geht es wie nach oben, in endlosen Serpentinen. Oben ganz kleine, weiter unten ein wenig ausladender.

Wer sich bisschen mit Karten auskennt, kann erahnen, dass es hier keine Chance auf campen gibt.

So ganz anders hier auf der Seite, ein einziger steiler Grashang. Drüben waren es Alpenrosen und Heidelbeeren mit bisschen Gras und viel Gestein. Faszinierend. Tlw im Modelschritt weil der Weg so schmal ist schlängeln wir uns nach unten. Ich fülle dennoch Wasser auf, aber es kommt wie erwartet nichts. Ich fühle mich noch fit, könnte noch bisschen weitergehen, aber der Aufstieg ähnelt dem Abstieg, also kommt da in naher Zukunft wahrscheinlich auch kein Platz. So beziehen wir das Posto Tapa in Rima. Das Dorf ist entzückend.



61.Tag 25,5km 1750hm 7:40h
Alles essbare einzeln abgepackt. Plastikteller und Besteck. Ich glaube ich habe noch nie so viel Müll beim Frühstück produziert.
Ich starte wieder mit Martin. Der 2 stündige Aufstieg direkt vor der Haustüre ist kurzweilig. Erstens finde ich die Landschaft schön und zweitens unterhalte ich mich angeregt mit Martin. Sein Tempo und sein kontinuierliches gehen ohne Pause liegt mir sehr.

Der Rückblick auf die steile Bergflanke vom gestrigen Abstieg beeindruckt.

Oben am Pass ein Traumpanorma und kurz danach ein Rifugio, das ich bereits vergessen hatte, dass es kommt. Mich freuts und ich setze mich mit einem Kaffee in die Sonne und genieße den Ausblick, während Martin sich auf den über 1200 Höhenmeter Abstieg macht.


Knapp bei der Hälfte hole ich ihn wieder und kann ihm gerade noch rechtzeitig einen wunderschönen Anblick zeigen.

Martin selbst ist schon paar Mal länger gewandert, kann sich aber kaum an Gegenden erinnern. Er ist der Bewegung wegen unterwegs, nicht wegen der Landschaft. Dennoch erfreut es ihn, wenn ich ihn auf eine meiner Meinung nach schönen Aussicht aufmerksam mache.
So trudeln wir kurz vor 12 in Alagna ein, ich ergattere neue Ohropax nachdem ich einen ausgestreut habe und geh im Miniladen Brot, Käse und Pfirsich shoppen.

Mein Rucksack würde bis auf das Obst alles mitsich führen, aber frisch ist frisch und ich schlage zu. Kurz geht es eben dahin zum Nachbardorf. Dort kehren wir auf Kaffee und Bier ein.

Ich bin mir etwas unsicher, aber ich würde heute gerne campieren. Unsicher weil es jetzt in ein schmales Tal hinauf geht, mit Viehwirtschaft. Martin möchte ins Refugio, er campiert nur im Notfall. Ich finde es schade, dass sich unsere Wege bereits wieder trennen werden.
Als wir weitergehen meint er aber, dass es ihm zu früh ist fürs gleich kommende Refugio und ob es okay ist, dass wir noch bis zum kommenden Restaurant im Tal gehen. Er hat nichts mit zu essen, würde dort essen und wir könnten fragen ob wir zelten dürfen. Das passt für mich, auch wenn ich noch gerne weiter gekommen wäre. Das Restaurant hat aber zu, so muss er also campieren. Zum Glück habe ich genug für 2 zum Essen mit.


Mich freuts natürlich, dass wir weitergehen, aber vor allem weil ich nicht alleine mit der Zeltplatzsuche bin. Das Tal wird bald schön, aber auch stellenweise steil und vor allem felsig. Das wird nicht einfach mit dem Zelt. Martin ist aber hochmotiviert und wir gehen wieder unser zügiges Tempo hinauf, während wir davon träumen im Fluss ein Bad zu nehmen nachdem wir einen geeigneten Schlafplatz gefunden haben. Die erste Herde passieren wir und diverse verfallene Alpen.


Dann eine Alpe die mehr oder weniger intakt ist und offenbar leer steht. Am Dachboden hat es Platz, somit beschließen wir hier zu bleiben. Während ich im Fluss mich waschen gehe, kehrt Martin den Dachboden.

Dafür koche ich später was für uns und wir richten uns häuslich ein. Zwecks Wärme baue ich mein Zelt auf, es zieht ordentlich in der Hütte, sicher ist sicher. Martin schläft in seinem Biwaksack.

Ich bin happy. Biwak, Dachboden einer Alm,…alles vergleichbar mit Zelten für mich. Man ist und bleibt am Berg, wird nicht herausgerissen wie in einer Stadt, oder in eine Dorf.
62.Tag 31km 1415hm rauf 2135hm runter 10:00h
Mittlerweile glaube ich, es liegt an der Matratze, dass ich nur oberflächlich im Zelt schlafe. Müde krieche ich um 6Uhr heraus, wir packen zusammen, teilen uns mein Frühstück inklusive Kaffee und ziehen um 6:45 los. Die 2 Stunden bis zum Pass sind wunderschön. Rückblicke auf Schneeberge, direkt daneben rote Berge, vor uns ein einziger weiß-grüne Ansammlung von einem Steinehaufen. Kurzweilig und überwiegend angenehme Steigung.







Herz was willst du mehr. Vielleicht ein bisschen weniger Wind, es ist ziemlich kalt. Ich habe bergauf meine Weste an, ich glaube das hatte ich auf der Tour noch nie so lange fürs bergaufgehen an und sicher in den letzten 1 1/2 Monaten nie.
Am Pass selbst sehen wir eine kleine Hochebene zu der wir runter müssen – steil runter müssen.

Nicht selten müssen die Stecken in eine Hand um mit der anderen sich am Fels festzuhalten. Langsam geht’s hinunter, aber gut machbar. Nach der schönen Ebene geht’s lange einen Hang entlang zum nächsten Pass. Das Terrain bremst ein wenig aus, aber die Landschaft macht alles wieder gut.



Oben am zweiten Pass erwartet uns eine weiße Wand auf der anderen Seite. Kurz lichtet sie sich und wir erkennen das Refugio.


Kurz noch einmal Fernsicht auf der anderen Seite genießen


und runter und rein auf Kaffee und Kuchen für mich. Der weitere Abstieg geht gute 3 Stunden. 3 Stunden nur bergab. Martin plagt sich mit seinen Knien etwas, wir vertreiben uns die Zeit mit plaudern.
Über den Nebl bin ich gerade gar nicht so traurig – so sehe ich nicht schon wieder direkt unter mir, ganz weit unten das Dorf zu dem ich muss.


Piedicavallo ist ein schmuckes Dorf. Die Häuser sehen anders aus als in den letzten Tagen, der Einschlag der Walliser dürfte vorbei sein.


In Rosazza sperrt der einzige Minimini“supermarkt“ erst um 16Uhr wieder auf, es ist kurz nach 1. Martin muss sich somit etwas teuer beim einzigen offenen Kaffee versorgen, ich esse mein Essen im Park nebenan, bevor auch ich einkehre, auf Kuchen. Wir entscheiden uns weiter zu gehen, obwohl der lange Abstieg vor allem Martin ermüdet hat. Nach Oropa gibt es 2 Möglichkeiten. Wir wählen die kürzere mit etwas mehr Höhenmeter: die Straße über den Pass ist nämlich für Autos gesperrt und so können wir die ein, oder andere Serpentine auf Asphalt zügig hinter uns bringen, wenn der Wanderweg diese kreuzt. Es ist drückend heiß, wir schwitzen mal wieder unmenschlich. Es ist diesig, wir sehen nichts vom der Umgebung. Himbeeren als Energiebooster helfen ein wenig, sie wachsen hier wie irre.

Der Abstieg nach Oropa ist schön,

ich finde kurz davor eine Stelle für mein Zelt, Martin hat nichts zu Essen dabei und möchte eine Dusche. Ich selbst frage mich auch, ob ich die klebrige Schmiere nicht auch lieber abwaschen möchte und nach bereits 9:45 reiner Gehzeit nicht lieber ein Bett statt meiner komischen Matte haben möchte. Also schließe ich mich Martin an, hüpfe kurz in die Kirche, checken uns im Kloster je ein Einzelzimmer für 25 Euro



und fallen 10 min vor Ladenschluss um 18Uhr im Feinkosttouriladen ein und kaufen hungrig ein. Ich ergattere Bohnen zum pimpen für meinen Couscous, 100Gramm Schokolade, 2 Brötchen und Chips. Ich befürchte, dass die Restaurants teuer sind und esse daher lieber am Zimmer. Martin bestätigt meinen Vedacht. 6 Euro für 0.4Liter Bier, da hat er lieber 2 getrunken, aufs Essen verzichtet und futtert jetzt seine Frühstückskekse.