11. Etappe GTA (2)


Oropa – Balme 154,24 km 11.460hm
2.8.- 9.8.2023

Gesamt bis Balme 1607,4km 77.054hm
65 Wandertage
5 Pausentage

63.Tag 19,5 km 1446hm 8:05h
Um 7 Uhr verlassen wir unter Glockengebimmel das Kloster. Ich bin müde, habe aber im Bett deutlich besser geschlafen als auf meiner Matratze. Vielleicht liegt die Müdigkeit heute auch am fehlenden Kaffee.

Der GTA Wanderführer nimmt ab Oropa die Seilbahn rauf zum 1.Refugio. Wir nicht wir erarbeiten uns die Höhenmeter brav selber. (Nachtrag: im Nachhinein erfahren wir, dass sie eh nicht mehr fährt) Überwiegend zum Glück noch ohne Sonne, geht es schön dahin. Im Dunst kann man indirekt die Po Ebene erkennen. Ich schaue nicht oft hin, mich irritiert diese endlose Weite ohne Berge am Horizont.


Refugio erreicht, Wasser nachgetankt, weiter geht’s zum Sattel. Kurz kann ich von dort das weit entfernte Refugio Coda erkennen, bis zuerst es und dann wir in Wolken und Nebel verschwinden.

Der Übergang zum Refugio dauert länger als gedacht und hält die ein, oder andere leichte „Kraxelei“ bereit. Die Seilversicherungen sind mehr als nur fraglich angebracht. Generell aber nichts tragisches, aber irgendwie stell ich mich bei einer Stelle an wie ein Depp und frag mich wie ich es 1400km bis hierher geschafft habe. Naja, mir fehlt immer noch der Kaffee.
Im tiefsten Nebel, mit nur seltenen Lichtblicken (Fotos) erreichen wir endlich das Refugio.

2 Cappuccino und einen leckeren Kuchen später geht es weiter. Kurz reisst es auf und wir erhaschen einen Blick auf den Gran Paradiso in der Ferne. Das Foto kommt nicht einmal annähernd an die Realität ran – mich trägt dieser Anblick den ganzen Nachmittag zufrieden durch dichten Nebel/Wolken.

So geht es nämlich für uns weiter. Nebel, Nebel, Nebel, absolut keine Ahnung wie es hier auf dieser Seite aussieht. Der weitere Weg ist oft sehr schmal auf einem steilen Grashang entlang, oder buschig verwachsen. Über eine Stunde lang. Der Nebel macht das Gras und co feucht. Am Ende des Tages wird es 3:1 für Martin stehen: er ist 3 mal ausgerutscht, ich einmal als ich meinen Fuß wie am Karnischen Höhenweg auch schon zu knapp an den Rand platziert habe und abgerutscht bin.

Irgendwann beginnt der Abstieg über unschöne Alpen, durch Kühe zerstörte, matschige, zugesch*** Wiesenhänge…jetzt wird es zach. Meine Laune sinkt und kommt fast zum Tiefpunkt als mein Fuß in einer braunen, wässrigen Brühe landet weil ich abrutsche. Der Tag kann dann bitte bald zu Ende sein.

Dennoch bin ich bei einer Alp neugierig und frage mit Händen und Füßen nach ob ich den Käse sehen darf. Die Menge überrascht mich, ich kaufe günstig ein kleines Stück.

Auch wenn es bis zum Agrotourismo nicht mehr weit ist, brauche ich eine Essenspause und verdrücke gleich ein Stück vom guten Käse. Die letzten 45 Minuten gehe ich zügig voran, da kommt kein Highlight mehr, also warum in die Länge ziehen den Tag. Vor allem kann man endlich wieder zügig gehen, das war im heutigen Terrain eher schwierig.
Wir beziehen unser Zimmer und tauschen ein Ehebett gegen zwei einzelne aus. Seit ich mit Martin unterwegs bin, wird überall vorausgesetzt, dass er für mich mitzahlt. Wenn wir es aufklären, sind die Leute oft überrascht und peinlich berührt. Keine Ahnung was sich die denken, wenn ein 60jähriger und eine 37jährige zusammen wandern.
Abends wird so reichlich aufgetischt, dass mir nachher der Bauch schmerzt. Das „blöde“ ist, man weiß nie wie viele Gänge noch kommen, also isst und isst man brav an dem gerade gebrachten weiter. Mich freuts trotz Schmerzen, denn ich habe mir in Rimella schon ein 15 Gänge Menü entgehen lassen. Piemont eben – köstlich und viel Essen, vielleicht lieben deshalb soviele die GTA.

64.Tag 13,5km 1105hm 4:25h
7:30 gutes Frühstück, wir plaudern noch weiter mit den 2 Deutschen die nach Norden unterwegs sind und gehen los. Viel ist in den Unterkünften nicht los, ich dachte der GTA ist überlaufener.

Heute ist es wolkenfrei, so sieht es hier also aus.

Für uns geht’s hinunter. 1180hm weiter runter, zum tiefsten Punkt im Piemont. Nach Quincinetto auf 295hm. Ein schöner alter Weg führt uns kurzweilig hinab.

Ab einem gewissen Zeitpunkt schwitzen wir obwohl wir locker runter gehen im Wald. Kurz vor der Stadt geht es an Weinreben entlang. In der Stadt shoppen wir Essen, der nächste Supermarkt ist ca 3 Tage entfernt, der 20qm Laden gibt nicht viel her, aber das notwendigste.

Am liebsten würde ich mich davor drücken was jetzt ansteht, aber es „muss“ gemacht werden: 1110hm auf 5,8km hinauf. Italien + 11Uhr + auf 300 Meter über dem Meer + Anfang August= …. . Hitze! Habe ich geglaubt beim Aufstieg nach Pommern kurz vor Meran den Zenit der zu produzierenden Schweißmenge erreicht zu haben, werde ich nun eines besseren belehrt. Ich schleppe mich nach oben. Zum 1.Mal wird der Abstand zu Martin manchmal mehr. Feuchte Hitze ist mein Feind, meine Energie sinkt. Zum Glück geht es wieder im Wald hinauf, direkte Sonne bleibt uns überwiegend erspart, dennoch reden wir kein Wort weil es so anstregend ist.
150hm vor dem Ziel brauche ich eine Essenspause, oder eher eine Motivationspause. Ich habe im Tal richtiges Brot erstanden. Richtiges Brot!!!! Herrlich.

Die Wolken hüllen die Berge ein, der Nebel wird mehr.

Beim Agrotourismo sind wir bereits um 13:15 und beziehen 2 Betten im Lager. Ich wäre noch weiter zu einer Alp, oder Selbstversorgerhütte gegangen, Martin meinte gestern aber, dass ihm der Aufstieg in der Hitze reichen würde. Da wir die nächsten 2 Tage noch gemeinsam gehen möchten, versuche ich das positive an einem freien Nachmittag zu sehen und genieße die Dusche. Danach stellt sich heraus es war ein Missverständnis, Martin dachte ich hätte hier reserviert, er redet davon morgen campieren zu wollen denn schließlich haben wir Essen mit, ausgerechnet da sagt es Gewitter vorher… . Ich ärgere mich ein wenig, denn die Alpe wäre locker noch drinnen gewesen. Aber frisch geduscht und mit einem Cappuccino versorgt, redet es sich leicht, dass man zelten hätte wollen.
Das Abendessen war gut und nach dem 5.Gang stellt sich allmählich so etwas wie Sättigung ein. Schon zu Hause habe ich gesagt, dass es gut sein kann, dass ich im Piemont aufgrund des guten Essens und des Weines mein vegetarisches Dasein und/oder meine alkoholfreie Zeit unterbreche. Heute ist es so weit. Eine Flasche Hausrotwein steht am Tisch, gleichgesetzt mit einer Flasche Wasser, zum Menü dazugehörig. Was soll ich sagen – er war sehr gut, hat sich zum Glück ausgezahlt meine Abstinenz zu brechen.
Mit vollem Bauch liege ich im Bett, die Kühe bimmeln draußen um die Wette und zwischendurch fegen Stürme ums Haus, dass man sich fragt wo die plötzlich herkommen.

65. Tag 14,10km 894hm 5:05h
Das Frühstück ist eher mau, aber generell kann man für 45 Euro mit großem Abendessen, Schlafplatz und Frühstück nicht meckern.
Es ist nach wie vor windig und frisch. Aber die Sonne und die sanfte Steigung lassen es zur perfekten Temperatur werden.

Es geht so angenehm bergauf, dass ich kaum glauben kann, wie rasch wir bereits am höchsten Punkt für heute sind. Der Blick in die Ebene überrascht uns beide. Irgendwie verstörend.

Nicht wirklich spektakulär, aber trotzdem sehr schön empfinde ich die Umgebung heute.

Wir traversieren ein wenig bevor es auf zum langen Abstieg geht.

Überwiegend im Schneckentempo. Rutschiges Gras auf Stein…Uns zieht es mehrmals die Beine weg. Zum Glück können wir uns jedes Mal rechtzeitig mit den Stöcken abfangen, aber es überrascht einen immer wieder wie schnell man beschleunigt wenn man rutscht. Daher hört man vor alle mich immer wieder kurz aufjapsen, wenn es mir wieder „unerwaretet“ die Beine nach vorne und den Oberkörper nach hinten reisst.
Weiter unten kommen wir durch Succinto und obwohl es gefühlt das 100erste Dorf ist, bin ich immer noch beeindruckt von den schmalen Gassen und der Bauweise.

Beides wirft Fragen auf. Ab hier wird der Weg wieder besser, ein schmaler Pfad leitet uns nach Forno.

Die Krönung der Zeitreise aller Dörfer die ich bis jetzt auf der Tour gesehen habe.

Generell erinnern mich die Dörfer an den Hohen Kaukasus in Georgien. Ich bin fasziniert.
Wir kehren ins Posto Tapa ein das sich zusätzlich mit dem Wort „Alimentario“ (Lebensmittel) schmückt, aber nur Eis und abgepackte Croissants bietet. Ich hol mir einen Cappuccino, erfreue mich erneut an meinem köstlichen Brot von gestern und gönne mir ein Eis als Nachspeise. Die Zeit wird genutzt um sich Gedanken zu machen wie wir weitermachen. Wir wollten uns im Aufstieg zum Pass einen Platz suchen, aber der Himmel verdunkelt sich bereits. Als es zu donnern beginnt ist die Entscheidung klar – wir beziehen unser Zimmer. Eine Runde im „Dorf“ ( ca 10 Häuser) muss sein für mich, mich beschäftigen diese Dörfer sehr.

Die Bauweise, die wenigen Menschen die in ihnen leben, die hohe Abwanderung, die Widrigkeiten im Winter, die Vorstellung wie es früher war als die Frauen im Sommer die Felder bestellten und sich ums Vieh kümmerten, während die Männer in Städte zogen um dort mit ihrem Handwerk ihr Geld zu verdienen,… .

66.Tag 25km 1399hm 7:20h
Hundegebelle ohne Ende und Ohropax die nichts taugen – meine Nacht brachte nicht viel Schlaf. Die komischen Windböen waren auch wieder da. 37 Euro kostete die Nacht mit 3 gängigen gutem und sattmachenden Abendessen und typischen italienischen Frühstück – da kann man nicht meckern und erklärt vielleicht auch, warum die Schwelle zum nicht zelten sinkt.
Der Aufstieg beginnt über alte Wege, an Trockenmauern vorbei, über Wiesen und schöne Almen. Die Berge herum sind schön anzuschauen, nichts weltbewegendes, aber das kann es ja auch nicht immer sein.

Es weht ein starker Wind. Nach gut 3 Stunden stehen wir auf der Scharte und haben einen tollen Rundumblick.

Wir schnallen unsere Rucksäcke nochmal enger, ich werfe mir paar Nüsse rein, denn nun soll eine der kniffligsten Stellen der GTA kommen. Martin kennt sie schon und war vor 5 Jahren heilfroh als er unten war. Machen wir es kurz: es war absolut nicht schlimm. Ja es gibt Seil- und Kettenversicherungen, aber alles kein Problem. Das Problem bestand offenbar früher, weil der Weg kaum gepflegt wurde und die Erlengebüsche einem den Weg versperrten und auf den exponierten Stellen, abschüssigen Passagen und Felsplatten in die Richtung drückten in die man partout nicht möchte – Hang abwärts (das kenne ich von anderen Tagen auf dieser Tour, diese Gebüsche haben tlw wirklicheine enorme „Kraft“). Wir haben aber Glück, der Weg ist sehr gut freigeschlagen und die Felsplattenpassagen finden wir nicht schwer, obwohl sie hinunter sind.

So kehre ich im Tal in die Kirche ein um im Schatten mein Essen zu essen und leiste dann Martin im Posto Tapa Gesellschaft. Mit Cappuccino, Cola und Nutella Crêpes. Aso, Cola light, damit es nicht zu viel Zucker ist. 9 Euro: im Piemont kann man noch günstig schlemmen.
Weiter geht es auf der Straße. Der Wanderführer lässt beinhart den Teil aus. Ich dachte ich habe etwas nicht abfotografiert, bis ich draufgekommen bin, dass keine Etappe fehlt, sondern dass sie wiedereinmal überspringen. Ohne es zu erwähnen. Sehr verwirrend.

Wir erreichen zügig Ronco Canavese und werden von einem anderen Wanderer angesprochen: seine Matte hat ein Loch, sein Kleber ist leer. Ich krame in meinem Rucksack und gebe ihm einen meiner Schnellklebepats, seine Freude ist riesig. Gemeinsam warten wir in einem Kaffee, dass um 16Uhr der Minimarkt aufsperrt und erfahren von ihm, dass es unweit eine Picknickzone gibt, bei der man campen darf. Ja perfekt, wir hatten am Weg herunter schon eine gesehen, uns aber dagegen entschieden.
Also kurz in den Supermarkt und weiter zum vollen und lauten Picknickplatz – es ist Samstag.

67.Tag 17,3km 2196hm 7:05h
Es ist 2 Uhr, ich muss aufs Klo. Mein Zelt trieft vor Nässe, mein Schlafsack hat Kondenswasser oben drauf und nebenan läuft immer noch Musik. Schlaf bleibt auf der Strecke. Um 5:30 sieht zumindest ein Teil der Welt wieder anders aus – dieser komische Wind/böen hat das Zelt komplett getrocknet, auch mein Schlafsack ist bereit zum Einpacken. 6:40, ich hab nach Wochen wieder meine lange Hose an und bin startklar. Der GTA steht anders angeschrieben als im Wanderführer. Wir überlegen kurz hin und her und folgen der neuen Markierung. Es geht zügig im Wald bergauf und zügig fällt auch die Weste und die lange Hose. Obwohl es die erste Stunde nichts zu sehen gibt vergeht die Zeit wie im Flug. Manchmal ist bergaufsteigen auch meditativ habe ich den Eindruck. Mein Blick auf die Uhr lässt mich staunen und Grinsen zu gleich. 540hm in einer Stunde und gefühlt habe ich mich kaum angestrengt. Martin geht’s wohl ähnlich, er kanns gar nicht glauben, dass er dazu im Stande ist. Der Wind erwischt uns immer mehr, wir kommen aus dem Wald raus und haben tolle Fernblicke.

Das gold schimmernde Gras, das sich im Wind beugt, sieht toll aus.

Mir ist grenzwertig kalt, meine Finger sind klamm, aber ich bin zu faul zum Stehen bleiben. Solange kein Schatten kommt und wir weitergehen ist alles gut. 1175hm auf 5.6km in 2:25h. Das nennt man mal Morgensport. Auf der Scharte sehen wir sowohl Ronco als auch Talasio. Runter geht’s über bekannte rutschige Glasflächen, gefolgt von kuhverwüsteten Abschnitten.

In Talasio, dem Etappen- aber nicht unserem Ende, genehmige ich mir 2 Cappuccino und 2 Croissants. Obwohl es Sonntag ist und im Wanderführer nichts stand und in den Offline Karten nichts verzeichnet ist, hat Martin Glück und es gibt einen Miniminiminimarkt (ein Mini mehr weil die geringste Ausstattung bis jetzt). Von aussen nur durch die Bänder erkennbar (zumindest bilden wir uns ein, das jeder Minimarkt sie hat).


Martin hat sich gestern nichts zu Essen gekauft, weder für zu Mittag noch für heute Abend, obwohl fest stand, dass wir campieren werden. Zur Verteidigung muss man sagen, wir hatten Polenta gekauft fürs Abendessen, aber sie zuzubereiten hat gestern nicht so wirklich geklappt. Wir verweilen gut eine Stunde bevor wir uns auf die nächsten 1000hm Aufstieg machen. Dankbar im Wald vor der Mittagssonne geschützt geht es anfangs nach oben, bevor wir wieder auf wunderschönen Berghängen weiter nach oben steigen.

Ich liebe Scharten, sie halten meist Überraschungen bereit. So auch jetzt: der Grand Paradiso in seiner vollen Pracht.

Perfektes Mittagessenplätzchen für mich. Es geht danach zwar noch weiter bergauf, aber das hier möchte ich genießen. Auch wenn der Wind mich fast umwirft und es kurz danach für paar Minuten komplett windstill ist. So richtig windstill. Sehr schräg.

Der nächste Hügel, ein kurzer Spaziergang am Kamm und wir steigen ab. Den Stausee im Blick zieht es sich ein wenig in die Länge mit tlw sehr matschigen Stellen (nein, daneben gehen funktioniert nicht immer).

Ich fühle mich total fit. 2220hm rauf 1250 runter und meine Beine könnten noch gefühlt endlos weiter. Ein gutes Gefühl, möge es so bleiben. Trotzdem fragen wir beim Stausee ob wir unser Zelt wo aufstellen dürfen. Es ist zwar erst kurz nach 3, aber Martin hat sich schon bei der 2.Steigung geplagt, eine 3. würde unmittelbar bevorstehen und der Wind ist wirklich sehr stark. Die Karte zeigt länger keinen Wald, oder ähnliches für Schutz, im Gegenteil steile Hanglage. Na gut, dann halt hier schon Schluss obwohl noch was gehen würde. Das ist der Nachteil von so früh starten – man ist bereits oft am NM „fertig“ weil es die Etappe/ die Logistik/ der kommende Aufstieg,… so will.


Kurz bevor unser Platz im Schatten versinkt, koche ich mir meine letzte Portion Couscous, weiche meine letzte Portion Müsli ein und knabber im Zelt an Keksen und Katjes. Ich hoffe der Wind legt sich. Wir sind auf 1900hm und es ist nach wie vor ungewöhnlich kalt.

68.Tag 31,04km 1737hm rauf 2150hm runter 8:25h
Gut geschlafen, nur einmal wurde ich durch starke Windböen geweckt. Davor und danach war es windstill. Habe ich schon erwähnt, dass ich dieses Phänomen eigenartig finde?
Die Moral aufzustehen ist gering, denn es hat 2 Grad. Der Aufstieg wird also in Daunenjacke gestartet mit dem Dauergedanken: „Handschuhe? Nein, das halt ich aus, ich mag nicht stehen bleiben. Aber aua,…“ .

Irgendwann ist dann aber die Steigung stark genug und mir wird warm. Die Landschaft herum wirkt ohne Wind und bei Sonnenaufgang gleich noch einmal sanfter.

Im Gegensatz zum Abstieg der uns kurz hinter dem Sattel erwartet. Immer noch im Schatten, theoretisch gut markiert, aber wegen den vielen Tierpfaden tlw verwirrend und anstregend zu gehen. Wie meist auf der GTA taucht man kurz vor dem Dorf in einen Wald ein. Wie meist auf der GTA passiert man unzählige verfallene Almen.

Wie meist auf der GTA landet man in einem kleinen Dorf, dessen Einwohneranzahl keine 2 Dutzend überschreitet. Same same but different. Da es keinen Kaffee gibt setzen wir gleich an zum erneuten Aufstieg. Steil im Wald, auf staubig, trockenen, ausgetretenen Boden geht es nach oben. Die Fersen schaffen es stellenweise nicht mehr am Boden so steil ist es. Keine Aussicht. Mein Freudepegel sinkt.
Wir passieren die Kapelle mitten im Wald und wissen, dass wir nicht dem offiziellen GTA folgen dürfen, weil der Weg seit Jahren zugewachsen ist. 3 Deutsche sitzen beim Brunnen und raten uns auch nicht den direkten Weg bei der Kirche für den Abstieg zu nehmen, sondern nach ca 350 Meter. Gut, gerne, danke. Ich fülle schnell meinen Magen mit einer Vormittagspause und wir steigen wieder ab. Durch den verfrühten Abstieg geht man im Tal auf der Straße, aber es ist kaum was los. Zuckernachschub die 1.:

Im ersten Dorf kehren wir ein. Ich brauche etwas um meine Motivation aufrecht zu erhalten. Cola und Cappuccino. Weiter geht es. 1 Stunde später in Noasca kehren wir wieder ein. Cappuccino und 2 groooße Portionen Pommes die wir uns teilen. Gegenüber dann in dem gut sortieren Supermarkt, Instantpolenta und Brot kaufen, und für den Weg noch Cola und Eis.

Heute sind definitiv die Zuckerbomben das Highlight. Ich entschließe mich auf einen erneuten Aufstieg und Traversierung zu verzichten, nochmal wie heute Vormittag hab ich absolut keine Lust mehr. Ich finde eine stillgelegte Straße nach Ceresole Reale und obwohl es Asphalt ist, bin ich jetzt besserer Laune. Ich habe Ausblicke auf Berge und einen schönen Fluss.

Martin kommt mit, obwohl er in Noasca Schluss machen wollte, aber meine Variante den Tag zu verlängern gefällt ihm. Am Dorfeingang in Ceresole wieder in den Supermarkt.

8:25 reine Gehzeit, „ich habe fertig“. Morgen und übermorgen, das schwöre und verspreche ich mir gibt es normale Tage wie aus dem Wanderführer.
Das Posto Tapa ist chaotisch, das Essen aber reichlich, ich liege mit vollem Magen im Bett und rolle nur die Augen wenn ich an den heutigen Tag denke: einer der „unschönsten“ an die ich mich erinnern kann. Naja, irgendwann muss es auch Pflichttage geben auf so einer langen Tour. Im Bett studiere ich dann doch wieder die Karte und suche nach einer Möglichkeit die Etappe morgen zu verlängern und zu zelten.

69.Tag 15,3km 1113hm 4:50h
Allmählich frage ich mich wie ich diese Tour schaffe mit dem ständigen, immer wieder aus anderen Gründen, chronischen Schlafmangel. Heute Nacht weckten mich bei jedem umdrehen tierische Knieschmerzen auf. Seit rund 3 Tagen zwickt und zwackt es ein wenig, aber heute Nacht hat es Vollgas gegeben. Na toll. Ich humpel leicht zum Frühstück und werfe zum äußerst kargen Frühstück eine Schmerztablette dazu. Zum Glück hab ich noch Chinesiotape mit, also wird getaped. Zusätzlich frage ich einen ehemaligen Arbeitskollegen, der sich mit Sportphysio deutlich besser auskennt als ich um Rat, aber eher ergebnislos.
Heute möchte ich wieder mal alleine gehen, also schicke ich Martin voraus und versichere ihn, dass ich trotz Schmerzen klarkomme. Träge packe ich mein Zeug zusammen und telefoniere kurz in die Heimat.
Dann folgt ein Traum von einem Vormittag. Es ist zwar wieder irre kalt, ( auf 1500, Raureif auf 1800! Zeltplatzwahl müsste zur Zeit sehr weiße gewählt werden)

aber das beschäftigt mich heute fast nicht. Zuerst ist der Wald sehr schön

(Ja, manchen Wäldern kann auch ich etwas abgewinnen), aber was dann folgt ist einfach nur zum Strahlen.

Fast ist der gestrige Tag vergessen bei der Aussicht. Je höher ich komme, desto mehr und mehr sehe ich von den umliegenden Bergspitzen. Als würde ich ein Geschenk langsam auspacken. Retour zum Grand Paradiso Nationalpark,

rüber zu den Grenzbergen nach Frankreich,

hinunter zum See.

Egal wo ich hinschaue, pures Glück durchströmt mich. 1110hm geht es kontinuierlich nach oben und ich verspüre Null Anstrengung. Das Schmerzmittel wirkt, die Bewegung dürfte auch gut tun, ich genieße den Aufstieg in vollen Zügen.

Selbst als es auf den letzten 140hm Blockwerk gibt.

Oder vielleicht gerade deshalb, denn meistens liebe ich Blockwerkfelder. Beim Anblick denke ich mir aber nur:“ kann hier jemand mal bitte aufräumen!“. Es ist einfacher zu überwinden als es aussieht, der Weg ist nach wie vor gut markiert und angelegt.
Oben auf der Scharte auf 2640hm ist der Ausblick auf die andere Seite ebenfalls wunderschön.

Ewig könnte ich in so einer Landschaft sein. Ich packe meinen Kocher aus, koche mir Kaffee und genieße einfach nur.

Das war gefühlt schon längst überfällig.

Nach fast einer Stunde kann ich mich losreissen und mache mich auf den rund 1600hm tiefen Abstieg. Was denn sonst. Rauf runter rauf runter. GTA. Eine zeitlang ist die Umgebung noch wunderschön und einzigartig,

bevor sie in Altbekanntes übergeht : Almen. Kurz vorm Dorf hole ich Martin ein.


Der Alimentariobesitzer sperrt vor unserer Nase zu, bzw, weil ich ihn mit großen Augen lieb anschaue, wieder auf. 3 1/2 Stunden Siesta gerade noch so abgepasst. Martin möchte im Dorf bleiben, ich hatte mir gestern Abend trotz Vorsatz es ruhig anzugehen einen möglichen Zeltplatz im erneuten Aufstieg gesucht. Im Abstieg habe ich aber schon den Aufstieg und die Wiese gesehen, das sah schon aus der Distanz steil aus. Mein Knie meldet sich auch ein wenig wieder, also gebe ich nach, denke an eine Freundin „stick to the plan!“ und beziehe auch ein Bett im Posto Tapa. Heute ohne Essen. Macht 20 Euro. Nachmittag ist Kekse futtern, Cappuccino trinken uns Blog vorbereiten angesagt, bevor wir Abendessen shoppen gehen.

70.Tag 18,5km 1570hm 5:45h
Dank eines Schmerzmittels hab ich gut geschlafen. Wir starten wieder getrennt. Die ersten 600hm sind sehr steil und sehr zach. Die nächsten 300hm sind steil und zach, aber zumindest lichtet sich der Wald und es wird schöner. Als es ganz raus aus dem Wald geht strahle ich wieder.

Mir kommt der Weg, nachdem ich gegen zwei Erlengebüsche erfolgreich angekämpft habe, suspekt vor. Ein Blick auf die Karte zeigt, ich bin ab vom Weg. Wie kann das sein, das ist doch eindeutig ein Weg. Wieder retour sehe ich eindeutige Markierungen, dass man eine Kurve machen soll…naja, da war ich wohl wieder mal in die Fernsicht vertieft.

Der Hang ist stufenförmig,

2 Seen spiegeln sich in der Sonne,

die Rückblicke sind schön,

…mir gefällt es wieder. Wenn nicht immer diese Tal/Waldpassagen wären, wäre der GTA ein einziger Traum. Aber das der Fernwanderweg von Tal zu Tal geht wusste ich und ich komme damit besser zurecht als ich dachte. Kurz nur bin ich enttäuscht, als es der Weg nicht zu der Scharte geht, zu der ich dachte, denn da hätte es wieder Blockwerkfelder gegeben, aber auch die letzten HM zur tatsächlichen Scharte sind schön.

Oben verharre ich dieses Mal nur kurz, der Ausblick ist schön, aber nicht so fesselnd wie gestern.

Also steige ich ab und befinde mich kurz darauf in einen kleinen Kessel. Um mich herum nur Berghänge. In tollen Farben. Schön! (Finde heute kein anderes Wort als schön, sorry)

Kurz danach folgt eine Wiese, es ist erst 11 Uhr, aber das Frühstück ist schon länger her, also lege ich mich hin und genieße meine Mittagspause.

Manchmal frage ich mich was mein Cholesterinspiegel macht bei der Masse an (Schmelz)Käse die ich zu mir nehme. Allerdings google ich gerade, dass Schokolade den Cholesterinspiegel senkt… wenn man den Kosnum kurzfristig erhöht. Naja, ich esse zu Hause schon viel Schokolade, aber jetzt auf der Tour ist es schon abnormal viel. Der Cholesterinspiegel ist sicher nicht das einzige, was sich verändert hat. Ob meine Füße jemals wieder flipfloptaugliche Optik bekommen stelle ich in Frage. Ich schweife ab…

Am weiteren Weg hinunter verliere ich 2 Mal den Weg und obwohl ich es rasch merke, ist die Wegfindung nicht einfach. Mühsam diese Kuhpfade. Ich geh querfeldein und treffe wieder auf den Weg, verliere ihn wieder, kämpfe wieder gegen Gebüsch und steh wieder drauf. Vielleicht sollte ich an einem Orientierungslauf teilnehmen, wenn ich zu Hause bin, Übung und einen guten Riecher wenns mal falsch langgeht hab ich ja jetzt genug.
Auf den letzten 1.5km telefoniere ich mit einer Freundin – so nutzt man Asphaltwege ins Dorf am Besten finde ich. Der Minimarkt hat ab 12:30 zu, ich stehe um 13 Uhr davor und schau lieb drein. Und darf rein. Nach mir noch 2 andere. Wozu gibt’s Öffnungszeiten frag ich mich. Ein kaltes Sprudelgetränk, 2 Pfirsiche uns 100Gramm Schokolade kauf ich, ess ich und geh kurz in mich. Gerade habe ich herausgefunden, dass es in 2 Stunden ein Biwak auf 2200hm geben würde. Ohne Ofen. Aber es ist immer noch recht kalt hier (mittlerweile ist der Grund auch bei mir angekommen: Österreich und Süddeutschland wird gerade eingeschneit, die Schneefallgrenze liegt tlw bei unter 2000, da bekommen wir hier wahrscheinlich die Ausläufer dieses Italien Tiefs mit). Das hat mich gestern auch schon abgeschreckt nochmal auf 2000 aufzusteigen. Prinzipiell schafft es meine Ausrüstung, aber wenns stürmt, oder recht feucht ist, wird es noch kälter und dann wird es ungemütlich. Dann kommen wieder Themen auf wie: “ ja aber es ist schön, warum gehst du nicht weiter. Ist es die selbe Leistung bis ans Meer zu wandern wenn man nicht zeltet? Eigentlich bin ich ja viel lieber oben als herunten. Wie liest es sich denn, wenn ich ständig nur so kurze Etappen mache und zu Mittag fertig bin. ….Stopp!! Meine Route, mein Ding, meine Entscheidungen, meine Gestaltung. Ich denke kurz an „Bergreif“ die 15 Nächte gezeltet haben, rückblickend weil es oft nicht anders ging und am Ende weil der Komfort siegte. Ich denke an Max, der von Haus aus all seine Etappen und Unterkünfte geplant hat. Ich denke an Johanna die ohne Zelt los ist und an Christiane, die so wie ich anfangs stark gehadert hat wegen dem Wetter nicht zelten zu können und auf der GTA bei guten Wetter es auch nicht gemacht hat.
Das Zwiegespräch mit mir rennt emotionslos ab und dauert 2 Minuten…ich habe eindeutig dazu gelernt würde ich sagen. Ich schlendere also an der angestrebten Unterkunft vorbei, sehe einen schönen Garten, eine tolle Kaffeemaschine, Eis und ich weiß, dass man evtl die Waschmaschine benutzen darf. Die Entscheidung ist also gefallen, ich beziehe ein Zimmer und kurz darauf rumpelt die Wäsche nach über 2 Monaten endlich mal wieder so richtig durch. Martin hatte exakt die selben Orientierungsschwiergkeiten an den selben Stellen wie ich, gut zu wissen.

Beim 2.Besuch des Supermarktes um Mittagessen für morgen zu kaufen, gibt’s auch eine Chipspackung als Wegzehrung für die 200Meter retour zur Unterkunft. Die ersten 3 Wochen der Tour konnte ich zusehen wie der Bauch schwindet, danach habe ich mich gezwungen (noch)mehr zu essen. Mittlerweile mache ich mir um mein Gewicht keine Sorgen mehr. In der Unterkunft setzte ich mich erneut in den Garten und frage meine Standardfrage: Haben sie alkoholfreies Bier? Ja! Ich frage mehrmals nach, formuliere es immer anders weil ich es nicht glauben kann, die Besitzerin schreit nur noch lachen: Siiii !!! Seit 3 Wochen ca hab ich keines mehr bekommen, ich kann mein Glück kaum fassen. Alles richtig gemacht heute.