13. Etappe GTA (4) und GR5

Rif. Meleze – Nizza 173,3 km, 8.166hm
19.8. – 24.8.2023

Gesamt bis Nizza 1977 km, 98.276hm
78 Wandertage
7 Pausentage

80.Tag 31km 1705hm 7:15h
So gut wie ab dem ersten Meter bin ich begeistert, fasziniert und glücklich. Ich wusste, dass heute eine schöne Etappe kommt. Die Gegend hier wird Dolomiti de Cuneo genannt und erinnert auch tlw sehr an die Dolomiten. Der Weg ist wunderschön angelegt, die Sonne steigt immer weiter empor und beleuchtet immer mehr der schönen Hänge, Wiesen und Felsen. Ein Farb- und Formspiel. Ich lasse mal lieber Bilder sprechen, weil in Worte kann man das hier nicht fassen.


Oben am Pass auf 2820hm grinse ich wie ein Hutschepferd. Ich glaubte das Highlight des Tages sind die Berge im Aufstieg. Weit gefehlt. Der Ausblick auf der anderen Seite, all die 1000 Zacken, auf die vielen Reihen, auf die verschiedenen Farben und Höhen…ein Anblick wie er mir gefällt. Volle Punktanzahl. Wieder sagen Bilder etwas mehr als Worte, wenn auch deutlich weniger als der reale Anblick.


Der Abstieg ist anfangs noch wunderschön, kein Wunder bei dem Panorama um mich herum.

Erst die letzten 45 Minuten zum Campo Base ziehen sich ein wenig. Am Fluss verspeise ich mein Mittagessen, bevor ich im Campo Base einkehre und länger verweile. Kein Kuchen, nein, dafür Chips, Kaffee und Blubbergetränk. Nach gut einer Stunde mache ich mich auf die 2.Etappe, hier bleiben ist keine Option für mich. Bald geht es im Wald wieder nach oben, in einem schönen Wald wohlgemerkt.

Kurz erhasche ich einen Blick retour auf den Pass von heute Vormittag,

bevor ich auf dem nächsten Pass mit der nächsten schönen Aussicht stehe. Das trockene, goldgelbe Gras hat es mir angetan, davon gibt es im Abstieg genug.

Heute ist Samstag, alles ist ausgebucht, aber ich darf mein Zelt beim Refugio Viviere aufstellen. Wenn ich dort esse. Ich schleppe aber InstantPolenta mit, daher werde ich auf eine Wiese am Fluss etwas unterhalb verwiesen, auch okay.

81.Tag 23,3km 1002hm 5:15h
Aus Mangel an Alternativen gestern im Miniladen, starte ich heute selber mit einem typischen italienischen Frühstück: Kekse.

Mein vorletzter Löskaffee passt da perfekt dazu. Obwohl ich gemächlich starte bin ich schnell am Pass oben, das hätte ich gestern locker noch geschafft. Die Landschaft hinauf ist noch einmal wunderschön.

Oben am Pass macht das diesige Licht mit dem etwas unterhalb liegendem Refugio eine eigene Stimmung, mich zieht es aber weiter zum 2.Pass.

Der Weg dahin führt über einen alten Militärweg – diese Art von Wegen begleiten mich aufgrund der Grenznähe öfters.

Nächster Pass, nächste tolle Aussicht. Faszinierend diese schroffen Felsen und unterhalb die Kuhweiden.

Jetzt geht es also wieder hinunter. Der Weg ist extrem staubig/sandig, oder schottrig. Es reisst mich mehrmals und nicht nur einmal kann ich im letzten Moment ein Hinfallen verhindern. Zum Glück, weil sonst würde ich aussehen wie ein parniertes Schnitzel. Unten am Fluss lege ich eine kurze Pause ein, mein Zelt trocknet und ich raste.

Obwohl das bis jetzt kaum Höhenmeter und Kilometer waren bin ich etwas schlapp. Ich versuche mich trotzdem zu beeilen, denn ich hoffe, dass im 2.Dorf am Weg das Alimentario (in meiner Karte eingezeichnet, im Wanderführer nicht erwähnt) offen hat obwohl Sonntag ist und ich es noch vor der Siesta schaffe. 12:20 Pitraportio, der Bäcker mit Minimalstausstattung hat tatsächlich offen. Ich kaufe lieber hier schon mal mein Mittagessen für die nächsten 2 Tage, wer weiß was Sambuco zu bieten hat. Zusätzlich gibt es zwei verschiedene 0,5liter Zuckergetränke, ein Eis und Kekse zum Mitnehmen. So ist der Weg bis Sambuco schnell gemacht und obwohl es erst früher Nachmittag ist, bin ich froh mich duschen und in ein Bett legen zu können. Seit rund 3 Tagen spüre ich eine allgemeine Schwäche, bzw einfach deutlich weniger Power. Sehr kurze Etappen strengen mich an bzw ermüden mich sehr. Ich glaube es ist eine Mischung aus der seit Wochen andauernden Hitze bei den Auf- und Abstiegen und das mit 3 Wochen Verzögerung mein Körper jetzt doch gemeint hat, dass die Tage fällig wären. Also etwas kürzer treten schadet nicht. Komisch so knapp vor dem Ziel und nur schwer zu akzeptieren, wenn ich an Leistungen von noch vor einer Woche denke….aber so ist es.
Mein eigenes Internet am Handy geht in dem Tal gar nicht, ich versuche mit dem Dorf WLAN den Blog zu erstellen und mich etwas auszuruhen. Dabei futter ich Kekse in mich hinein. Abends gibt es dann wieder einmal ein Omlett für mich als Fleischalternative, allmählich reicht es mir. Die teuren, zum Teil speziellen Fleischvarianten werden für mich entweder mit einem langweiligen, günstigen Omlett, oder reines Gemüse ersetzt. So einfallslos seit Wochen (mit 2 Ausnahmen), ich verstehe sie nicht die Italiener. Seit den Dolomiten geht es so, manchmal wirken sie richtig überrascht und nicht selten müssen sie erstmal überlegen was sie mir anbieten können ( am Ende eben meist Omlett, oder gedünstetes Gemüse). Zahlen muss ich immer den selben Preis wie die anderen. heute macht es mich so richtig grantig. Ich freue mich schon auf zu Hause und auf abwechslungsreichere, vegetarische Küche.

82. Tag 19,3km 1430hm 4:45h
Ich fühle mich fiebrig und habe Oberbauchschmerzen. Fiebrig könnte daran liegen, dass ich wegen laut (also normal hier) redenden Italienern um Mitternacht mein Fenster zugemacht habe und das Zimmer sich erwärmt hat. Die Schmerzen wiederum keine Ahnung, vielleicht war das gestern doch zu viel Zucker. Geschlafen hab ich keine 5 Stunden. Das gute Frühstücksbuffet rühre ich nur wenig an, ich studiere lieber die Karte und spreche 3 Wanderer am Nebentisch an. Gestern als sie angekommen sind habe ich mitbekommen, dass sie von Süd nach Nord gehen und einen Pass aufgrund der Hitze ausgelassen haben. Ich hätte heute 2200 hm vorgehabt, 2 Pässe, beide total unspektakulär, der erste sehr steil. Sie erzählen mir von der Alternative und für mich steht fest ich lasse den 1.Pass aus und umgehe den Berg. Ich übe also schon mal für den GR5 in Frankreich- der macht weniger Pässe, sondern umgeht angeblich viele Berge am Hang.
Somit ist der Weg bis Vinadio, wo ich auf den GTA wieder treffe unspektakulär, aber schnell gemacht. Also sofern man heute bei mir von schnell reden kann. Nicht zum 1.Mal seit Wien, führt eine Alternativroute über einen Pilgerweg.

In Vinadio gibt es kein Alimentario (in Sambuco auch nicht, obwohl beide im Wanderführer angeführt werden), ich kehre für Tee ein. TEE, kein Kaffee, irgendetwas stimmt wirklich nicht mit mir. Der Weg zum 2.Pass, also zum 1. für mich ist brütend heiß und auf der ersten Hälfte sterbenslangweilig.

Danach wird es etwas schöner, aber nichts besonderes.

Ich muss öfters stehenbleiben und gehe bewusst sehr langsam. Neugierige Kühe warten am Pass auf mich, ich lege eine Pause ein, mit Blick auf das nicht schön ausschauende Areal um das Santuario di Sant’Anna.

Der Abstieg hat 3 ganz ganz kurze „Gegenanstiege“, keine 20 Höhenmeter, aber ich schleppe mich hinauf. Ich spüre meine Oberschenkel. Die habe ich seit gut 2 Monaten nicht mehr gespürt. Bitte was ist da los? Es ärgert mich ein wenig, denn die letzten Wochen habe ich mich so fit gefühlt wie noch nie und jetzt so kurz vor Schluss macht mein Körper schlapp, oder was?

Nach mehrmaligen fragen weil das Areal unübersichtlich ist, kehre ich ins Kaffee ein und mache mal eine Pause. Weitergehen und zelten macht keinen Sinn. Alles wäre über 2300hm, ich hätte Sorge das es mir zu kalt ist, wer weiß wie erhoslam der Schlaf wird und vor allem muss ich mir einfach eingestehen und es akzeptieren, dass mein Körper heute eh nicht mehr kann. Blöd nur, dass ich für die nächsten 2 Tage sehr lange Etappen vor habe und ich somit gut bedient wäre, hätte ich heute noch paar Höhenmeter gemacht, aber es geht nicht. Ich checke ins Posto Tapa ein (das mit Abstand schlechteste), besuche kurz die sehr spezielle Kirche

und mache ein spätes Nachmittagsschläfchen. Selbst die 4 Stufen zu meinem Zimmer spüre ich, herrje, das kann ja was werden. 3 Tage noch lieber Körper, komm wir schaffen das!!

83.Tag 37,6km 1639hm 8:55h
Das Frühstück wäre erst um 8 Uhr gewesen, ich habe es somit gestern schon mitbekommen. Mahlzeit.


Die aufgehende Sonne zaubert eine wunderschöne Stimmung. Es ist windstill, kein Mux zu hören.

Ich genieße es. Hier am Kamm hätte es soviele Möglichkeiten gegeben zu zelten, naja, ich trage es mit Fassung und hoffe, dass sich das einchecken und ausruhen gelohnt hat.
Hätte ich gezeltet, hätte ich ein Wasserproblem gehabt, die eingezeichnete Wasserstelle kurz vor dem Straßenpass gibt es nicht mehr (und rückblickend kommt der erste potentielle Fluss nach ca 3 Stunden). Ich stehe am Pass, blicke zurück nach Italien: Cioa GTA, du warst schöner als ich gedacht habe. Deine Auf- und Abstiege waren die steilsten, die zurückgelegte Luftlinie bei vielen HM die geringste, vielfältig und abwechslungsreich, sehr sehr wenig los und wenn es mal kein Omlett gab, dann weiß auch ich warum die piemontische Küche so gelobt wird!
Ab nach Frankreich, ich bin gespannt was mich die 3 Tage erwartet.


Zum Glück muss ich nur kurz über eine Skipiste des Skiortes Isola, danach und davor geht es in schöner Landschaft mit abwechslungsreichem Wanderweg dahin.

Angenehm zum 2.Pass. Mit diesem betrete ich den Nationalpark Mercontour und wandere zuerst, wie in Italien auch schon, an Bunkern vorbei, etwas hinunter bevor es ewig auf fast gleicher Höhe durch einen Wald am Hang entlang geht. Ich treffe auf den GR52 und gehe ihn entgegen gesetzt der „normalen“ Richtung. Lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, den GR52 bis ans Meer zu folgen, er soll so schön sein, aber dann würde ich nicht in Nizza rauskommen und irgendwie war mir vor rund 2 Wochen als ich es entschieden habe danach, möglichst direkt nach Nizza zu gehen.

Auf dem Weg zum 3.Pass für heute kommen mir rund 15 Weitwanderer entgegen. Ich bin mir sicher sie sind alle den GR5 gegangen und beenden jetzt über den GR52 ihre Tour. Standart/üblich so und dementsprechend viel ist los. Da war mir der einsame GTA lieber. Landschaftlich ist es aber immer noch ein Traum. Besonders lustig finde ich, dass die Markierung des korrekte Wegen offenbar nicht ausreicht, sondern an JEDER potentielle Möglichkeit eines falschen Weges (selbst wenn 5 Trampelpfade parallel laufen, aber eben auch im Wald ein Pfad mach 5 Metern in einer Sackgasse endet)ein X markiert ist. Mir soll es recht sein, so ist die Orientierung noch einfacher.

So nahe schon an Nizza und immer noch so schön, ich bin happy. Die Seite hinter dem Pass ist wieder komplett anders. Bei einem See lege ich meine späte Mittagspause ein bevor es über sandige und schottrige Wege, immer wieder rutschend nach unten geht.

Mein Weg führt nach links, rechts sehe ich einen Wanderparkplatz und bilde mir ein, ein Eisauto zu sehen. Kurz die Karte gecheckt, der Umweg hält sich mit 200 Metern im Grenzen, ich steuere also voller Vorfreude darauf zu.

Aber es dämmert mir schnell, das kann ja gar nicht sein, wahrscheinlich ist es ein Caravan der seine Markiese draussen hat. Und genauso ist es dann auch, das Auto dass ich dachte ist wirklich privat, ABER dahinter ist eine kleine Holzkonstruktion und dort wird tatsächlich Kaffee und co verkauft. Juhu!!
So vergeht danach die Zeit bis Saint-Dalmas auch etwas schneller, ich kaufe mir in einer Bar ein überteurtes Sirupgetränk und überlege ob ich mir ein französisches /GR5 “ Posto Tapa“ gebe, oder lieber wildzelte. Max, ein Wien-Nizza Wanderer, heute in Nizza angekommen, war so lieb und hat für mich die Augen offen gehalten für Zeltplätze. Dadurch weiß ich, dass 170hm weiter oben ein Plätzchen ist. Ohne es wirklich zu entscheiden gehe ich in den Supermarkt, kaufe Mittagessen für morgen und Frühstück, bisschen was zum Pimpen für die Polenta, fülle all meine Wasserflaschen an (nach dem Platz kommt morgen lange nichts) und steige auf. Wozu habe ich mir in der Bar mein Gesicht und Arme gewaschen, ich schwitz schon wieder.
Am Platz angekommen donnert es in der Ferne. So war das aber nicht ausgemacht. Regenradar meint es könnte mich erwischen, tut es aber nicht. Das Gewand hat Zeit an mir zu trocknen, ich koche, genehmige mir noch eine Katzenwäsche und genieße die Ruhe um mich.

84.Tag 30,1km 1290hm 7:00h
Um 3:30 sind Wanderer vorbeigegangen. Unverkennbar an Wanderstöcken die auf Steinen aufschlagen zu erkennen. Mich würde interessieren wo die hin sind und warum um diese Uhrzeit?
Mein Start ist gemütlich, Müsli mit frischen Obst gepimpt. Es ist schon fein, wenn man so kurz nach einem Supermarkt zeltet, dann kann man auch mal frisches Obst und Gemüse mitschleppen.
Zum heutigen Tag kann ich nicht viel sagen. Die Wegführung ist wirklich so ganz anders als auf der GTA, es waren heute glaube ich 7 Pässe dabei, wobei ich nur 3 wirklich gemerkt habe und für keinen einzigen ins Tal musste. Der Anfang war schön, das Ende ebenso, dazwischen zog es sich durch das ständige rauf und runter und langweiliger Gegend etwas. Nicht schlimm, immerhin bin ich schon so nahe am Meer, da erwarte ich keine spektakuläre Landschaft mehr.

Meer, achja Meer….plötzlich war es da. Zwischen zwei Berggipfeln, kaum zu erkennen, aber dennoch eindeutig Küste. Bevor ich es realisiert habe und ganz sicher bin, bin ich schon mega ergriffen. Ich lache und heule gleichzeitig. Ich verschicke die ein, oder andere Sprachnachricht, den Moment möchte ich teilen!! Ich pack’s nicht, ich sehe die Küste und somit das Ende des Alpenbogens.

Der Gedanke kommt und geht immer wieder im Laufe des Tages, aber ansonsten ist es ein Tag wie jeder andere. Bis auf den Meerblick- Moment fühlt es sich genauso nicht greifbar und daher unrealistisch an, wie es sich angefühlt hat als ich aus Wien rausgegangen bin. Der heutige Tag war ein Tag wie jeder andere in den letzten über 2 1/2 Monaten: Schuhe anziehen und losgehen. Einfach gehen, Schritt für Schritt. Was heute auch gleich ist wie ca 80 Prozent der Zeit seit dem ich von Wien los bin: ich sehe tagsüber keine Menschenseele. Meist habe ich die Berge, die Wege, die Ausblicke,…ganz für mich alleine. So auch heute.


In Utella ersehne ich aufgrund der Hitze ein kühles Getränk, aber das Restaurant hat mittwochs geschlossen und ansonsten ist das hübsche Dorf leer. Ich mache es mir am Platz gemütlich, trinke mir einen Wasserbauch an, versuche nicht einzuschlafen und gehe um 5 wieder weiter, mit vollen Flaschen.

Mein Zelt möchte ich noch einmal aufstellen. Das geht gut bei einer Kapelle die 4 km entfernt im Wald steht, mit tollem Ausblick.

Ich koche mir meine letzte Polenta, heute mit Oliven dazu. Jetzt in der Ruhe merke ich, dass wenn ich drüber nachdenken wollen würde, dass morgen der letzte Tag ist, dass da so einiges an Emotionen hochkommen würde. Das hat noch Zeit finde ich, darum lasse ich den Abend sein wie so viele Abende: Tagebuch schreiben, Füße versorgen, naschen, Bilder aussortieren, Weg und Wasser für morgen anschauen, … .

85. Tag 32km, 1100hm, 6:30h
Der Wecker muss erst gar nicht klingeln, ich bin bereits um 5 Uhr wach und starte noch im stockdunkeln mit Stirnlampe.

Die angekündigte Hitze macht mir Sorgen, weshalb ich über jeden Km ohne direkte Sonne dankbar bin. Zuerst geht es den Berg entlang fast eine Stunde so gut wie auf selber Höhe entlang. Auf einem schmalen Pfad, zum nächsten Dorf. So kann man also auch wandern, ohne große Höhenmeter. Dann geht’s auch auf dem GR5 runter ins Tal, über einen Fluss und kurz nach oben. Es ist 7:40, ich bin bereits 2 Stunden unterwegs, als ich in Levens eintreffe. Für hier hab ich den Tip einer köstlichen Bäckerei bekommen, die ich natürlich aufsuchen muss. Es ist unverkennbar, dass ich nicht gerade erst aus einem Hotel gepurzelt bin, daher nehme ich lieber drinnen Platz als draußen bei all den anderen Kunden.

Weiter geht es, es wird noch wärmer, der Schatten weniger, aber es gibt keine steilen Abschnitte. Meine Beine tragen mich mit einem Automatismus und Leichtigkeit über „Stock und über Stein“, dass es eine wahre Freude ist. Ich genieße meine wiedergewonne körperliche Fitness und frage mich schon wie ich sie zu Hause wohl erhalten kann.
Allmählich kommen immer mehr Dörfer und kleinere Städte in mein Blickfeld, viele davon thronen auf Hügeln. Aber auch die Küste sehe ich immer öfter und deutlich.


Bis Luftline 5km vor dem Meer befinde ich mich im Grünen. Bis 5km Luftline vor dem Meer befinde ich mich auf einem Berg. Dann geht’s rein nach Nizza und über gut markierte Wege finde ich leicht durch die Stadt. Auch hier an jeder Kreuzung ein X als Zeichen, dass hier der “ Wanderweg“  nicht langführt. Jeder Trampelpfad, jede kleine Weggabelung wurde so in den letzten Tagen auf Bäumen und Steinen markiert. Verlaufen quasi fast unmöglich.


In einem Park nutze ich die öffentliche Toilette und bereite mit mental auf die letzten Meter vor. Ich biege die letzte Kreuzung ein und sehe das Meer vor mir. Ich stehe kurz an der Promenade und versuche einen Zugang zum Meer zu finden, der nicht ganz so voll ist und stapfe hinunter.

Meine Eltern habe ich schon längst entdeckt und winke ihnen zu. Sie wissen, dass ich bis ich meine Füße ins Meer stecke alleine sein möchte. Manchmal habe ich mir in den letzte Monaten vorgestellt wie es wohl sein wird wenn ich ankomme. Jedes Mal habe ich mich heulend gesehen. Dem ist aber nicht so. Die Alpen sind zu Ende, ich stehe mit meinen Füßen im Meer.

Mich durchströmt einfach nur eine irre Freude, ich bin happy. Happy, auf eine eigene Art und Weise.

Erst als ich mich umdrehe und meine Mutter umarme, die es emotional erwischt, erwischt es mich auch kurz.


Verdammt ich hab’s tatsächlich gemacht und geschafft!!

Ich bin stolz auf mich, allen voran auf meinen Neugierde und das mich soziale Erwartungen, vermeintliche Sorgen, Ungewissheiten, Verpflichtungen, … nicht davon abhalten, solche Unternehmungen anzugehen wenn ich sie machen möchte. Den Alpenbogen zu erwandern, meine eigene Landkarte im Kopf zu kreieren. Ich bin stolz auf meine operierten Beine, dass ich mich auf sie verlassen konnte, wobei für mich wieder einmal deutlich wurde: Nicht die Beine bringen einem über so eine Distanz, die trainieren sich von selbst. Das wusste ich vorher und habe es während der Tour mehrmals erlebt. Es ist das mindset das, sofern man keine gesundheitlichen Probleme bekommt, einem am Gehen hält. Und somit darüber entscheidet, ob man so etwas schafft, oder nicht. Es war nicht immer einfach die letzten Wochen, aber aufhören wollte ich nie. Kriesen gehören dazu, man muss sie nur überstehen. Zum Gehen motivieren musste ich mich nie, schleppend war es nur an 2 Tagen.

(Route in etwa)

Mich machen die Berge so glücklich und zufrieden, geben mir soviel. Ich bin halt narrisch auf sie! Die letzten 85 Tage waren soooooo schön, intensiv, Freude bringend, glücklich und zufrieden machend. Ich war dort wo ich so gerne bin: ganz nahe bei Bergen. Heute ist nicht DER Tag. Die letzten 78 Wandertage waren DIE Tage und jeder einzelne sagenhaft und in Summe das pure Glück.
Dann tauche ich ein in die Wellen und muss dabei aufpassen, dass ich vor lauter Grinsen kein Meerwasser verschlucke.